Raina Lehmann: „Eine Dame ohne Hut? Das ist wie Schwarzwaldtorte ohne Kirsche“


Nach dem Abitur 1998 arbeitete die heute 34-jährige Raina Lehmann im Schnitt und der Postproduktion im Werbefilmbereich, Hamburg/Berlin. Von 2004 bis 2008 studierte sie Kunstgeschichte mit Abschluss Bachelor of Arts am College, University of the Arts London. Während ihres Studiums jobbte sie bei den renommierten Sandsfilm Studios in London, arbeitete mit an historischen Kinofilmprojekten wie z.B. Marie Antoinette, Young Victoria, Die Schwester der Königin, Harry Potter und Bright Star.

Bereits 2007 nahm sie Privatunterricht bei der königlichen Modistin Marie O’Reagan in London. In den Jahren von 2008 bis 2011 war Raina Lehmann als Modistin bei ‚Royal Milliner’ John Boyd Model Hats London angestellt. Doch damit nicht genug: in jener Zeit führte sie diverse freiberufliche Projekte mit den Modisten: Karen Henricksen, Jane Smith, Yasmin Rizvi, Justin Smith und Jane Taylor durch. Und schließlich führte sie 2011 der Weg zu Philip Treacy.

Sie haben beruflich einige Umwege gemacht. Wollten Sie eigentlich schon immer Modistin werden?
Nein. Dieser Wunsch formulierte sich zum ersten Mal als ich eine Kollegin während meiner Zeit bei den Sandsfilms Studios dabei beobachten durfte, wie Sie einen viktorianischen Sommerhut aus alten Strohborten zusammensetzte und danach nach historischen Vorlagen dekorierte. Sie strahlte in ihrer stillen Art bei der Arbeit eine ansteckende Zufriedenheit aus, es erschien mir wie ein magisches Geheimnis. Außerdem gefiel mir die Kombination der Arbeitsschritte. Erst das Erschaffen einer plastischen Form und dann die grazile und feinmotorische Arbeit mit den Blumen, Bändern und Federn, die oft zunächst passend eingefärbt wurden. Ich liebte zudem die historische Komponente, die mir erlaubte neuen Zugang zu den Charakteren zu finden, die wir für die Filmprojekte mit passenden Hüten versahen.

Richtig verliebt in den Beruf habe ich mich dann, als ich zum ersten Mal eine Kappe aus Filz gefertigt habe. Dieses haptische Erlebnis hat mir so viel Freude bereitet, dass mir klar wurde, ich möchte dies unbedingt wieder tun. Heute habe ich natürlich noch viel mehr Erfahrungen rund um meinen Beruf gesammelt und weiß ihn auf Grund seiner vielen Facetten und Herausforderungen zu schätzen.

Was halten Sie von einer Dame ohne Hut?
Das ist so wie eine Schwarzwälderkirschtorte ohne Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Immer noch eine fantastische Torte aber ihr fehlt halt zum Ausrufezeichen der Punkt. Nein mal ganz ehrlich, ich würde keine Frau zum Hut überreden mögen, welcher dazu das Bewusstsein fehlt. Die Energie zwischen Hut und Trägerin muss ausgeglichen sein, sonst erscheint es als ob der Hut die Hauptrolle übernimmt. Der Hut trägt dann die Frau und nicht anders herum. Ich bin jedoch überzeugt, das es für jede Frau einen ‚richtigen’ Hut gibt, der es vermag, eine Frau in einem anderen Licht und Lebensgefühl erstrahlen zu lassen.

Gibt es „Mode-Sünden“ bzw. „Hutmode-Sünden“?
Ja, klar gibt es die. Besonders gefährlich ist es wenn man konform einem Trend hinterher läuft, der in diversen Werbekampagnen wahnsinnig toll aussieht, aber gar nicht zur eigenen Persönlichkeit und Form passt. Im Vergleich finde ich es auch sehr schade, das wir Deutsche so sehr in unsere Schmutzfarben wie Khaki, Mauve, Beige und Anthrazit verliebt sind. Diese Farben verleihen keine Kraft und besonders direkt neben dem Gesicht getragen, können sie uns leicht kränklich aussehen lassen oder sehr hart wirken. Ich möchte hier niemanden zu grellen Knallfarben überzeugen, aber ein bisschen mehr ‚Frische’ gibt auch mehr Schwung.

Beim Hut sollte man besonders darauf achten, dass das Design, die Linienführung und die Balance ausgeglichen sind. Ein Hut muss von allen Seiten und Ansichten überzeugen können, nicht nur von der Vorderansicht. Und wenn ich eine ganz persönliche Hutmode-Sünde ansprechen darf, wer hat eigentlich dieses schreckliche Wort „Fascinator“ für so etwas Schönes wie einen Cocktailhut erfunden?

Nennen Sie bitte starke Argumente, um junge Menschen für den Modistenberuf zu begeistern.
Der Modistenberuf ist unglaublich facettenreich und bietet viele Möglichkeiten sich weiter zu spezialisieren. Er hat eine technische, kreative sowie auch psychologische Komponente und bietet bei jeder Maßanfertigung eine neue Herausforderung. Es ist möglich zu unterrichten, im Kostüm zu arbeiten, oder aber auch die unendlichen Techniken etc. in verwandte Bereiche zu transferieren. Ich kenne zum Beispiel eine Modistin die sehr erfolgreich ihre plastische Arbeit mit Strohmaterialien mit ins Lampendesign gebracht hat. Was mich persönlich aber am meisten an meinen Beruf begeistert ist das Erschaffen von Synergien zwischen dem entstehenden Hut und dem Träger und die Tatsache das man sein ganzes Leben lang immer noch etwas dazu lernen kann.

Highlights der Hutmode zum Herbst/Winter 2012/2013?
Herbst/Winter ist ja immer mehr die gemäßigtere Jahreszeit. Besonders Wetterschutz und Tragekomfort spielen dabei eine wichtige Rolle. Sehr beliebt sind wie immer die Klassiker: Kappen, Strickmützen, Baretts, Schirmmützen und Filzhüte in jeglicher Variation. Besonders warme Rottöne, Violet, Navy und Schwarz stehen im Vordergrund. Die Dekorationen sind sehr skulptural und Samt wird als Material wieder vermehrt zum Einsatz kommen.
(Die Fragen stellte Brigitte Karch)

Weitere Informationen:
info@rainalehmann.com

Bildtext: Raina Lehmann mit einer ihrer eigenen Hut-Kreationen. Foto: Privat