Karen Scholz: „Beim Entwerfen gehe ich keine Kompromisse ein“


Für manche sind es notwendige Alltäglichkeiten beim Postversand. Für andere bedeuten die gezackten Vier- und Rechtecke eine reizvolle kleine Geldanlage. Doch wohl die meisten Sammler schätzen die postalischen Miniaturen als Kunstwerke par excellence.

Nach Abitur und Psychologiestudium an der Universität Bremen arbeitete Karen Scholz (1959 in Ostercappeln/Niedersachsen geboren) von 1982 bis 1984 im SSK (Sozialistische Selbsthilfe Köln) und Beschwerdezentrum Psychiatrie, Köln. Danach wandte sich Frau Scholz dem Studium Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln zu. Neben Typografie und Gestaltungslehre gehörten damals auch Sach- und Aktzeichnen zu ihren Studienfächern. Da ihr der Unterricht nach einer Weile als zu verschult erschien, wechselte sie zur Hochschule für bildende Künste Hamburg HFBK Hamburg, wo sie 1991 ihr Studium erfolgreich mit dem Diplom abschloss. Seither arbeitet Karen Scholz als freiberufliche Grafikerin, Ausstellungsgestalterin und Künstlerin. Neben zahlreichen Beteiligungen an Ausstellungen, Gestalten unterschiedlichster Druckerzeugnisse, hat sich Karen Scholz dem Entwerfen von Briefmarken verschrieben. Die Grafikerin lebt und arbeitet in Bad Essen. Ihre Begleiter sind ihr Lebenspartner und zwei Katzen.

Was hat Sie dazu gebracht Briefmarken zu entwerfen?
Ich habe bereits während meines Studiums in Hamburg als freie Grafikerin gearbeitet. Im Jahr 1995 habe ich ganz einfach beim Postministerium (heute ist das Bundesministerium für Finanzen für Briefmarken zuständig – Anm.d.Red.) angefragt, ob ich dem Kunstbeirat, der die Entwürfe für Briefmarken auswählt, meine Arbeitsmappe vorlegen dürfte. Das hat dann auch geklappt, so dass ich seither regelmäßig zu den Wettbewerben eingeladen werde.

Es verlief für Sie ja gleich vom Start weg recht viel versprechend …
Ja, richtig. Ich habe gleich den ersten Wettbewerb, an dem ich teilnahm, gewonnen. Das war das Briefmarkenmotiv "500 Jahre Technische Universität Braunschweig".

Handelt es sich um reine Auftragsarbeiten oder machen Sie auch Vorschläge?
Zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen werde ich zwei- bis dreimal im Jahr vom Bundesministerium der Finanzen eingeladen. Nach den dort gemachten Vorgaben wie Wert, Thema und Text der Briefmarke, eventuell auch das Grundmotiv, gehe ich an meine Arbeit.

Wie gehen Sie bei der Realisierung von Briefmarken – gedanklich und gefühlsmäßig – vor?
Ich kann Ihnen das an einem Beispiel erläutern: Bei der Aufgabe, "Deutsche Architektur nach 1945" handelte es sich darum, einen so genannten Viererblock zu entwerfen, vier Briefmarken im Wert von jeweils 1 DM – meine Entwürfe sind dann später auch realisiert worden. Es mussten die vier Architekten Hans Scharoun "Berliner Philharmonie", Mies van der Rohe "National Galerie Berlin, Gottfried Böhm "Wallfahrtskirche Niveges" sowie der "Deutsche Pavillon in Montreal" von Frey Otto berücksichtigt werden. Mich hat das Thema damals sehr interessiert, zum einen war es sehr eingegrenzt, zum anderen stellte es eine große Herausforderung dar, alle zwingenden Vorgaben in einem schlüssigen Gesamtentwurf zu komprimieren. Für mich bedeutete dies, mehr Informationen über die berühmten Architekten einzuholen, um die Essenz ihrer Aussagen zu ihren Bauwerken erfassen zu können und im Briefmarkenentwurf sichtbar werden zu lassen. Das war eine spannende Arbeit, denn alle vier Künstler hatten ja sehr, sehr unterschiedliche Ansichten, wie sie ihrerseits ihre Ideen und Vorstellungen in den Bauwerken sichtbar werden ließen. Diese gedankliche Vorgehensweise habe ich sicherlich z. T. meinen Psychologiestudium zu verdanken –aber auch der Lehre meines Typografie-Professors an der HFBK Hamburg, Hans Andree.
Beim Entwurf meiner Briefmarke "200. Geburtstag Robert Schumann", die ebenfalls 2010 erscheinen wird, habe ich mich sehr mit den lebensgeschichtlichen Hintergründen von Schumanns Musikschaffen beschäftigt, um dieses selbst besser verstehen zu können.

Wie viel Briefmarken haben Sie bislang entworfen?
Nebenbei bemerkt: ich liebe schöne Briefmarken und sammle diejenigen, die mir besonders gut gefallen. Von 1995 bis heute habe ich an ungefähr 50 Wettbewerben teilgenommen und sechs davon gewonnen, darunter zwei Blockausgaben. Insgesamt wurden 12 Briefmarken von mir realisiert. 2008 erschienen die Briefmarken "Johann Hinrich Wichern", Begründer der Inneren Mission der Evangelischen Kirche, und "Lorenz Werthmann", Gründer des Deutschen Caritasverbandes.
Wissen Sie, das Gewinnen eines Wettbewerbs ist für mich nicht ausschlaggebend. Ich gehe bei meinen Entwürfen keine Kompromisse ein, ich setze die Themen so um, wie ich es aus meinem Verständnis heraus für angemessen halte.

Ihre jüngsten Arbeiten, die Wohlfahrts-Sonderbriefmarkenserie "Obstmarken mit Duft", sind sowohl von der grafischen Gestaltung als auch vom "Duft" – man muss ja nur rubbeln und die Marken duften nach Zitrone, Erdbeere, Apfel und Pflaume – besonders gelungen.
Ich war ganz glücklich, dieses botanische Thema zu bearbeiten. Ich liebe Pflanzen. Allerdings, seit meinem Studium an der FH habe ich nicht mehr gezeichnet. Deshalb schnitt ich zunächst das Obst in hauchdünne Scheiben und machte Fotos davon. Die Ergebnisse waren aber nicht befriedigend. Parallel dazu betrachtete ich alte botanische Zeichnungen. In den Büchern fand ich für einige Obstsorten Abbildungen, die entsprechend klassischer Einordnung nach Blüte/Blatt, Frucht und Querschnitt aufgeführt sind. Aber eben nicht vergleichbare Motive von allen Obstsorten – bei der Heidelbeere und der Zitrone war das schwierig. Deshalb entschloss ich mich, alle Motive selber zu zeichnen. Bei Blatt und Blüte der Erdbeere lehnte ich mich sehr stark an eine besonders gelungene Vorlage aus dem Buch "Obstsorten" aus dem Verlag J. Neumann an. Die Idee, die Briefmarken mit Duft zu versehen, stammt allerdings nicht von mir, sondern von der Deutschen Post AG.

Ihre Obstmarken waren und sind es noch ein Medienerfolg. Hat man Ihre Arbeit in der Öffentlichkeit auch entsprechend gewürdigt?
In der letzten Zeit habe ich sehr viele Veröffentlichungen gesehen, in denen zwar ausführlich über die Marken und den Duft berichtet, aber nirgendwo erwähnt wird, dass diese Marken von mir gezeichnet und gestaltet wurden … tja …(brikada berichtete ausführlich Anm.d.Red.). Ich vermisse jedoch allgemein eine Wertschätzung der schöpferischen Arbeit, die mit der Gestaltung von "Gebrauchsgütern", zu denen ja auch die Briefmarken gehören, verbunden ist.

Wie viel Zeit benötigen Sie, um einen Briefmarkenentwurf vorzulegen?
Mit allem Drum und Dran sind es meistens mehrere Wochen.

Kann man vom Briefmarkenentwerfen leben?
Nein. Mein täglich Brot verdiene ich mit zahlreichen anderen grafischen Auftragsarbeiten.

Wer ist Ihr größter Bewunderer?
(lacht) Meine Fans, einige ältere Herren, die Briefmarken sammeln. Deren Briefe sind alle sehr, sehr nett geschrieben, rührend und sehr menschlich.

Welche Zukunftspläne haben Sie bzw. welche beruflichen Herausforderungen möchten Sie noch bewältigen?
Ich möchte wieder mehr mit Menschen arbeiten und neben der Grafik meinen Zweitberuf als Gesundheitspraktikerin weiter ausbauen.

Was raten Sie jungen Frauen, die vor der Berufswahl stehen?
Für mich war es seinerzeit ganz wichtig, z. B. ein Praktikum in einer Werbeagentur zu machen – um zu erfahren, dass das nichts ist für mich. Jede sollte viel ausprobieren, herausfinden, wo die eigenen Fähigkeiten liegen, Praktika machen und dann ihren eigenen Weg wirklich verfolgen. Heutzutage ist das zwar schwerer zu realisieren, wir befinden uns finanziell in enger gewordener Situation, aber es lohnt sich trotzdem.

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Lernen und Erkennen. Freundschaften und Begegnungen pflegen. Ich mag Kochen und Katzen. Wahrheit und Bewegung, vor allem aber Natur und Ökologie – und unseren Garten.

Nach welcher Philosophie gestalten Sie Ihr Leben?
Nach dem Spruch: ich will lernen, als ob ich ewig leben würde, aber so leben, als müsste ich morgen sterben.

Was denken Sie über das Altern?
Älter werden ist einer große Herausforderung. Früher musste man sich eher beweisen, jetzt ist das nicht mehr so wichtig. Mehr Gelassenheit und Einfachheit bestimmen jetzt mein Leben.

Das Gespräch führte Brigitte Karch

Weitere Informationen:
www.scholzkaren.de
www.geborgen-im-fluss.de

(Die Links wurden am 14.02.2010 getestet.)