Rebekka John: „Ich wünschte mir mehr Möglichkeiten für eine zum Familienleben begleitende Weiterbildung“


Kinder, Küche, Heimchen am Herd? Wer meint, hier werden sattsam bekannte Klischees aufgewärmt, hat sich gründlich geirrt; denn, Rebekka John (28), in Garmisch-Partenkirchen geboren und heute am Starnberger See lebend, führt selbstbewusst einen sechs-Personen-Haushalt. Zusammen mit ihrem Ehemann erzieht sie ihre zwei Mädchen und zwei Buben, die sich im "Orgelpfeifen-Alter" von 7, 5 1/2, 4 und 1 1/2 Jahren befinden. An zwei Wochenenden im Monat arbeitete die gelernte Krankenschwester auf der Chirurgischenstation eines Krankenhauses. Dass Rebekka John darüber hinaus auch noch Zeit für ganz persönliche Erholungsphasen findet, ist im Wesentlichen auf auf ihr kluges Organisationsmanagement und die "emanzipierte" Familieneinstellung ihres Mannes zurückzuführen.

Im Gespräch mit brikada zeigt Rebekka John offen und lebensheiter auf, wie es ihr gelingt, Familie und Beruf verlässlich unter einen Hut zu bringen. Dass es dennoch einige Ecken und Kanten gibt wie etwa mangelnde berufliche Weiterbildung während des Erziehungsurlaubs oder unverschämte Bemerkungen Fremder über ihren Kindersegen leugnet die 28-Jährige keineswegs.

Was hat Sie dazu gebracht, Ihren derzeitigen Beruf zu wählen?
Nach Beendigung der Wirtschaftsschule im Jahr 1996, schloss ich in Starnberg die Ausbildung zur Krankenschwester an. Warum? Nun, ich spürte schon in jungen Jahren mein Talent, gerne mit Menschen umzugehen. Außerdem war ich Technik begeistert und an medizinischen Themen interessiert. Und um ganz sicher zu gehen, ob ich für den Beruf Krankenschwester wirklich begabt bin, machte ich zwei Praktika. Danach wusste ich: das ist es! Damals bekam ich dann auch gleich die Chance, auf den Intensivstation im Unfallklinikum Murnau arbeiten zu dürfen und war dort von 1999 bis 2001 angestellt. Jetzt befinde ich mich im Erziehungsurlaub.

Dennoch arbeiten Sie an zwei Wochenenden im Monat auf der Intensivstation in einem Starnberger Krankenhaus – warum?
Es gibt dafür mehrere Gründe: zum einen verliere ich dadurch, dass ich an zwei Wochenenden im Krankenhaus arbeite, nicht völlig den fachlichen Anschluss. Zum anderen ist es die finanzielle Seite, immerhin sind wir eine sechs-köpfige Familie.

Ich wünschte mir jedoch insgesamt mehr Möglichkeiten für eine zum Familienleben begleitende Weiterbildung. Vor allem auch deshalb, weil sich der Wissensstand in der Medizin ständig und sehr schnell vergrößert. Für mich ist es schwer möglich, hier von zu Hause aus meine Fachkenntnisse auf dem Laufenden zu halten. Dabei liebe ich meinen Beruf sehr, ich habe Talent und Begabung, mit Menschen umzugehen und möchte meinen Beruf auch zukünftig ausüben. Zumal in nicht zu weiter Zukunft unsere Kinder vormittags nicht mehr im Hause sein werden, und ich dann diese Zeit wieder verstärkt beruflich nutzen möchte.

Wie machen Sie das: Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Ich war schon immer recht zielstrebig. Wenn ich mir Sachen in den Kopf setze, dann will ich sie auch verwirklichen, auch wenn´s erst langfristig klappt. Ich habe meine vier Kinder, erledige meinen Haushalt und arbeite noch nebenbei in meinem Beruf. Gerade als Krankenschwester kommt man mit dem Leben und dem Tod in Berührung, das prägt. Sicherlich gehört auch Idealismus dazu, etwas geben zu können. Dabei funktioniert es auf allen Ebenen nach dem Motto "die Seele muss zufrieden sein". Außerdem rechne ich es meinem Mann sehr hoch an, dass er streckenweise die Kinderbetreuung übernimmt und anfallende Hausarbeiten erledigt. Dadurch ermöglicht er es mir, dass ich mir Anregungen von Außen hole. So gehe ich zum Beispiel einmal wöchentlich zum Yoga-Unterricht und treffe dort auf Gesprächspartnerinnen. Oder ich nehme zweimal jährlich an spannenden Veranstaltungen in der Evangelischen Akademie Tutzing teil.

Das ist genau wie in der Fernsehwerbung, wo eine selbstbewusste Mutter ihren Haushalt sinngemäß mit "ich leite ein kleines aufstrebendes Familienunternehmen" beschreibt. Frauen sollten tatsächlich selbstbewusst den Alltag meistern und versuchen, die Dinge anzunehmen und das Beste daraus zu machen! Man muss es lernen zu erkennen, welche Dinge wichtig und somit gleich zu erledigen sind, und welche Dinge erst zu einem späteren Zeitpunkt erledigt werden können.

Wie sieht bei Ihnen ein "ganz normaler Arbeitstag" aus?
Mein Mann und ich stehen täglich um 6.30 Uhr auf und genießen gemeinsam – gewissermaßen als Start in den Alltag – ein Tässchen Kaffee. 6.40 Uhr ist Kinderwecken mit anschließendem Frühstück angesagt. Um 7.00 Uhr bringt mein Mann unsere Älteste in den Kindergarten, wo sie bis etwa 13.00 Uhr bleibt. Abgeholt wird sie im Wechsel von einer Nachbarin, die dort ebenfalls ihr Töchterchen untergebracht hat, oder ich hole beide Kinder ab. Solche Netzwerke wie Nachbarn und Freunde sind sehr wichtig und bieten Vorteile für alle Beteiligten.

Um 7.30 Uhr wird unser ältester Bub mit dem Schulbus zur Schule gebracht und bleibt dort bis Mittag. Die beiden Jüngsten sind zu Hause und halten mich ganz schön auf Trab. Um 13.00 Uhr gibt es Mittagessen. Dann sitze ich mit allen vier Kindern am Tisch, jeder hat etwas zu erzählen, es ist für mich der schönste Augenblick, aber natürlich auch anstrengend, weil alle viel zu erzählen haben. Nach dem Mittagessen findet die "ruhige halbe Stunde" statt. Jedes Kind zieht sich zurück, hält Ruhe, und auch ich entspanne mich und genieße diese Ruhezeit. Immerhin gelingt dies zu etwa 80 Prozent. Nachmittags werden die Hausaufgaben erledigt, danach ist freie Spielzeit. Ich unternehme sehr viel mit den Kindern, wir gehen an die frische Luft, im Sommer vor allem zum Schwimmen. Nach dem Abendbrot dürfen die Kinder noch eine halbe Stunde "Sandmännchen" im Fernsehen anschauen oder es werden Geschichten aus Büchern vorgelesen. Natürlich bin ich manchmal kaputt und müde, aber zufrieden, weil ich den Mut habe, täglich Zeit für mich zu nehmen und sie auch einzufordern.

Sie hatten in jungen Jahren die Chance, sich beruflich zu etablieren. Warum haben Sie sich für beides entschieden: Familie und Beruf?
Mein 11 Jahre älterer Mann und ich haben bewusst eine Familie gegründet. Wir beide wollten Kinder. Damals war ich mit 20 Jahren noch recht jung, wenn dann die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind – so unsere Überlegungen – bieten sich beruflich für mich noch so viele Möglichkeiten.

Nochmals zurück zu Ihrer derzeitigen beruflichen Tätigkeit: Können Sie sich Ihre Arbeitszeit flexibel einteilen?
Bis zum gewissen Grad ja, so kann ich meinen Wunschdienstplan äußern und meistens kann mein Arbeitgeber dieses Anliegen realisieren.

Fühlen Sie sich gegenüber Ihren männlichen Kollegen gleichberechtigt beim Einkommen?
Ja und nein. Ich werde, genau wie meine männlichen Kollegen, nach Tarif bezahlt. Aber angesichts der zu leistenden Arbeit, die mir hohes Verantwortungsbewusstsein abverlangt, fühle ich mich nicht leistungsgerecht bezahlt.

Wer von Ihnen beiden erzieht die Kinder?
Wir beide sind der Ansicht, dass Kindererziehung eine 50:50-Angelegenheit ist. Immerhin sind wir beide zu gleichen Teilen an dem Kindersegen beteiligt und tragen somit auch die gleiche Verantwortung.

Gibt es Wertvorstellungen oder gewisse Richtlinien, nach denen Sie Ihre Kinder erziehen?
Ja, ich selbst bin sehr religiös aufgewachsen. Mit meinen Wertvorstellungen gebe ich meinen Kindern, die evangelisch getauft sind, einen gewissen Halt. Aber wir erziehen sie offen, gewissermaßen frei denkend, dass sie später die Möglichkeit haben, sich selbst zu entscheiden, ob und welcher Religion sie angehören möchten.

Wie reagieren fremde Menschen auf Ihren Kindersegen?
Das ist so mein wunder Punkt. Die Leute um uns herum reagieren sehr unterschiedlich. Je mehr Kinder eine Familie hat, desto "Distanz loser" benehmen sie sich. Bemerkungen wie etwa "Sind das alles Kinder von einem Vater?" oder "Na, wann kommt das 5.?" ärgern mich sehr. Aber so langsam stehe ich über solchen Fragen. Andererseits erfahre ich auch positive Reaktionen und bewundernde Fragen, wie ich es schaffe, Familie und Beruf so gut vereinbaren zu können.

Was schätzen Sie an Ihrem Mann?
Ich habe einen tollen Mann und bin sehr zufrieden mit ihm! Es liegt sicherlich zu einem Teil an uns Frauen, man muss den Männern auch die Gelegenheit geben, im Haushalt und bei der Kindererziehung mit zu helfen und ihnen zeigen, wie das geht.

Zudem schaffen wir uns "kleine Inseln des Herzens". Zum gegenseitigen Auftanken verbringen mein Mann und ich so viel freie Zeit wie möglich und genießen das gemeinsame Erleben, wenn er beispielsweise bei einem Gläschen Wein Gedichte vorliest. Ich habe bei all dem ein gutes Gefühl, das jeder von uns das Beste gibt, das ist wie ein innerer Schutzschild.

Denken Sie heute schon an Ihre Rentenversorgung?
Ja, das ist ein großes Thema für mich. Meine Mutter hat bereits in frühen Jahren eine Versicherung für mich abgeschlossen. Aber auch ich persönlich habe zusätzlich vorgesorgt. Ich träume heute schon davon, das mein Mann und ich gemeinsam ins Rentenalter eintreten können.

Welche berufliche Zielen streben Sie an?
Ich würde mich gerne zur Hebamme ausbilden lassen. Warum? Aufgrund meiner Erfahrungen von vier Geburten ist mir klar geworden, dass dies die Art von Arbeit mit Frauen und Familien ist, bei der ich meine Begabung, mich in andere Menschen hinein zu versetzen, sehr gut nutzen kann und auch will.

Nach welchem Motto gestalten Sie Ihr Leben?
Neugierig und in sich ruhend, zugleich jedoch offen bleiben, für alles, was um mich herum geschieht. Wissen, sehen, erkennen – man darf nicht stehen bleiben. Vor allem sollten Kinder absolut ernst genommen werden, das ist eine große Gabe und Aufgabe!

Welches sind Ihre drei größten Wunschträume?
(Sichtlich bewegt): Ich habe nur einen großen Wunschtraum: zusammen mit meinem Mann alt zu werden! Hoffentlich gelingt uns das! Ich genieße dieses Zusammenleben so außerordentlich: er macht mich stark und dadurch mache ich ihn stark!

Das Gespräch führte Brigitte Karch