Dr. Hildegard Kronawitter: „Ich habe gelernt, mit möglichst geringem Aufwand die Potenziale vieler Frauen zu mobilisieren!“


In Sumpering/Kreis Grafenau-Freyung geboren, schloss sie nach 8 Jahren Volksschule eine Kaufmännische Lehre mit Abschluss an. Über den zweiten Bildungsweg legte sie Mittlere Reife und Begabtenabitur ab. Nach dem Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre promovierte Frau Kronawitter in Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 1969 trat sie in die SPD ein und ist seit 1998 Abgeordnete im Bayerischen Landtag, wo sie unter anderen als wirtschaftspolitische Sprecherin für ihre Partei auftritt.

Dr. Hildegard Kronawitter, mit dem früheren Oberbürgermeister von München, Georg Kronawitter, verheiratet, ist Mutter zweier erwachsener Kinder. In zahlreichen Gremien, Verbänden und Institutionen hat sie ehrenamtliche Funktionen übernommen und ist in mehreren sozialen und kulturellen Organisationen vertreten. Neun Jahre lang hat sich Dr. Hildegard Kronawitter als Vorsitzendes des Vereins für Fraueninteressen für die Belange von Frauen engagiert. Für ihre besonderen Verdienste wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Ihre politisches Einstellung beschreibt Dr. Hildegard Kronawitter so: "Frauen in der Politik – das hat viel mit dem eigenen persönlichen Umfeld zu tun, aber auch mit Macht, Netzwerken und Verbindungen! Mit anderen Worten: will man im politischen Umfeld an der Weichenstellung mitarbeiten, muss man sich auf vielfältigen Gebieten engagieren, diskutieren, Verantwortung mit übernehmen und stets neugierig und aufgeschlossen sein – insbesondere auch für die Meinungen und Ansichten Andersdenkender."

Was haben Sie ganz persönlich in den vergangenen 10 Jahren, in denen Sie als Landtagsabgeordnete tätig sind, für Frauen verändern, bzw. verbessern können?
Ich glaube, es wäre vermessen zu sagen, dass eine einzelne Landtagsabgeordnete allein entscheidende Weichen stellen kann. Im Detail ist das eher möglich. So lassen sich Frauenthemen politisch transportieren, wenn man dazu entsprechende Aktivitäten aufgreift, um sie schrittweise verwirklichen zu können. Hier möchte ich zum Beispiel auf meine Initiative zur Änderung des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsgesetzes hinweisen. Per Antrag konnte ich anstoßen, dass Buben und Mädchen in der schulischen Familienerziehung gleich zu behandeln sind. Auch Buben sollen sich auf Familienaufgaben früh orientieren. Im Medienarbeitskreis der SPD-Landtagsfraktion wurden eine Kollegin und ich kürzlich mit einem Antrag vorstellig, um zu erreichen, dass künftig mehr Frauen im Rundfunkrat vertreten sind – ganz so, wie es nach dem Bayerischen Gleichstellungsgesetz erwünscht ist. Zudem bin ich Mitglied der Leitung und des Bildungsbeirats der Katholischen Akademie in Bayern. Das heißt, ich kann mich auf politischen und ehrenamtlichen Ebenen für die Anliegen von Frauen einsetzen.

Welches sind die Probleme, die Frauen derzeit besonders bewegen?
Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird leider vielfach auf ein "Thema der Frau" reduziert und nicht als "Familienthema" behandelt, was es ja im Grunde genommen ist. Natürlich müssen Frauen für sich jeweils Lösungen finden. Bei Diskussionen im Verein für Fraueninteressen erfahre ich immer wieder, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Herausforderung für Frauen darstellt, wo sie mit Recht Unterstützung erwarten können. In Gesprächsforen des Vereins zeigen wir den Teilnehmerinnen, wie sich erfolgreiche Frauen verhalten: in ihrer beruflichen Laufbahn, in ihrer Kommunikation und was sie dabei wahrnehmen und umsetzen.

Man hört und liest immer wieder, dass die Frauenbewegung seit einigen Jahren ins Stocken geraten ist. Stimmt das aus Ihrer Perspektive?
In der Tat hat die Frauenbewegung in der Öffentlichkeit deutlich an Schwung verloren. Die Emotionen lassen sich nicht mehr so mobilisieren wie sie bis in die 80er und 90er Jahre zu spüren waren. Die Gleichstellung von Frau und Mann bleibt nach wie vor einzufordern, vor allen bei den Einkommen – das ist mit ein Thema, das in der Öffentlichkeit immer wieder neu diskutiert werden muss.

Was hatte Sie veranlasst, den Vorsitz im Verein für Fraueninteressen zu übernehmen?
Ich bin buchstäblich angeworben worden. Die ehemalige Vorsitzende, Gretl Rueff, wollte aufhören und hat gezielt nach einer Nachfolgerin gesucht. Das war ein Stück weit Verführung (lacht). Es hat einige Bedenkzeit meinerseits gebraucht, bis ich den Vorsitz übernahm. Im Geheimen hat mich das "Machen" gereizt. Ich habe gelernt, Energien zu bündeln, um mit möglichst geringem Aufwand die Potenziale vieler Frauen zu mobilisieren. So ist es etwa bei Projektarbeiten wichtig, dass sich das Team selbst arrangiert und dem Impuls nach dem Motto "Wir schaffen das!" folgt. Vereinsprojekte wie "Tatendrang", eine 1980 gegründete Freiwilligen-Agentur für verschiedene Möglichkeiten ehrenamtlicher Mitarbeit, beweisen das.

Es ist wohl auf Ihr unermüdliches Engagement zurückzuführen, das Sophie Scholl in der Regensburger Walhalla vertreten ist. Welches waren die Gründe für Ihre anhaltenden Bemühungen?
Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was mich emotional zu dieser Initiative bewogen hat. Logisch argumentiere ich: die große Zahl der Frauen, die im Widerstand waren, hat historisch gesehen viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Für mich ist das Nationaldenkmal Walhalla, in der mit Büsten an bedeutende Menschen erinnert wird, die für unser Land Weichen stellend tätig waren, von besonderer Bedeutung. Widerstand in einer Schreckensherrschaft zu leisten, ist heroisch, schon weil er lebensgefährlich ist. Meiner Meinung nach ist Sophie Scholl eine herausragende weibliche Vertreterin des Widerstands; sie kann stellvertretend für die "Weiße Rose" und den gesamten Widerstand stehen.

Was raten Sie jungen Mädchen, wenn diese vor der Berufswahl stehen? In welchen Berufen sollten Sie sich – sofern dafür geeignet – ausbilden lassen?
Wenn ich vor einer Schulklasse stehe, dann sage ich: schaut euch um, wie viele Berufe es gibt – das ist fantastisch und bereitet Spaß! Aber stellt euch darauf ein, dass ihr den einmal erlernten Beruf nicht bis zum Ende eures Berufslebens ausüben werdet. Das bedeutet lebenslanges Lernen. Bei allen Wendungen, die ihr dabei mit machen müsst, könnt ihr euch immer auf die Grundlagen, die ihr einmal gelernt habt, rückbesinnen. Für Mädchen kommen jedoch zusätzliche Überlegungen hinzu: Familiengründung, Kindererziehung, im Betrieb des Mannes mitarbeiten und Pflege der eigenen Eltern und Schwiegereltern. Inzwischen ist es ja so, das Mädchen mehr oder weniger die gleichen beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten haben wie Buben. Aber sie sollten von Anfang an sich ganz bewusst Ziele setzen, Fantasien über ihren Berufsweg entwickeln. Es ist für Mädchen wichtiger denn je, frühzeitig berufliche Perspektiven herauszufinden und sich dann auf diese auch einzulassen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Früher bin ich regelmäßig gelaufen, auch heute habe ich die Lust an körperlicher Bewegung nicht verloren. Aber es gibt auch Phasen, da lese ich besonders gerne Romane oder Feuilletons.

Haben Sie Vorbilder? Wenn ja, welche?
Vorbilder zu haben, ist immer gut. Ich schaue auf Menschen, wie sie die Dinge des Lebens anpacken, welche Schwerpunkte sie setzen und wie weit sie ihr Handeln mit ihren inneren Werten vereinbaren. Als Kind habe ich meine Lehrerin bewundert, heutzutage ist es Dr. Hildegard Hamm-Brücher, eine bewundernswerte Frau, die auch in ihrer politischen Haltung immer sehr mutig war. Mut zu haben ist im politischen Bereich sehr wichtig. Wenn man einer politischen Gruppierung angehört, ist es ein Balanceakt zwischen Gruppenloyalität und selbst bestimmten Entscheidungen. Schwimmt man gegen den so genannten Mainstream, dann kann es passieren, dass die eigene Gruppe massiv negativ reagiert und auch sanktioniert, zum Beispiel mit Verweigerung von parlamentarischen Redezeiten oder bestimmter Aufgaben.

Sie werden nach 10 Jahren als Landtagsabgeordnete im Herbst diesen Jahres nicht mehr kandidieren. Fällt Ihnen diese Entscheidung schwer, zumal Sie sich auf so vielen gesellschafts-politischen Ebenen engagiert haben?
Es fällt mir nicht leicht, die vielen Beziehungen, die ich zu Menschen habe, aufzugeben. Meine berufliche Arbeit war immer sehr geprägt von persönlichen Emotionen. Aber es ist ja nicht so, dass ich mich völlig zurückziehe; mein persönliches Umfeld macht es nur notwendig, dass ich mich nun wieder mehr familiären Dingen zuwende. Die Ehrenämter, die ich derzeit habe, werde ich behalten. Zeitlich werde ich mich jedenfalls nicht mehr so engagieren wie es von einer Berufspolitikerin erwartet wird.

Würden Sie rückblickend Ihren politischen Weg nochmals einschlagen?
In der Tat, das würde ich wiederum tun, weil die 11 Jahre als Berufspolitikerin (10 Jahre Abgeordnete, ein Jahr Vorbereitung darauf) für mich überaus erfahrungs- und lehrreich waren.

Sie sind katholisch – was bedeutet "Glauben" für Sie in der heutigen Zeit?
Von Kindheit an bin ich religiös geprägt, eine Einstellung, die bis heute fort wirkt und meine Wertevorstellungen ausmacht. Trotz Kritik in Details fühle ich mich in der katholischen Glaubensgemeinschaft gut aufgehoben.

Wie denken Sie über das Alter?
Ich bin zufrieden mit dem Alter, das ich jetzt habe. Sicherlich werde ich mich auf eine Reihe von altersbedingten Veränderungen einstellen müssen. Wie etwa Einschränkungen körperlicher Tätigkeiten, im Aussehen und was man sonst so an Veränderungen an sich bemerkt. Ich registriere dies, will aber noch sehr Vieles aus diesem Lebensabschnitt schöpfen. Das wird zwar große Anforderungen mit sich bringen, dennoch hoffe ich, flexibel genug zu sein, diese Veränderungen innerlich zu akzeptieren. Ich bin neugierig genug, um wissen zu wollen, was dann alles um mich herum passiert, wenn ich 15 Jahre älter bin. Ich wünsche mir vor allem, geistig so präsent zu sein, wie es Frau Hildegard Hamm-Brücher uns allen vorlebt!

Das Interview führte Brigitte Karch

Weitere Informationen:
www.hildegard-kronawitter.de
www.dagusta.de

(Die Links wurden am 03.05.2008 getestet.)