Dr. Irene Wegner: „In China hat mich besonders die Peking Oper fasziniert“


Asia Intercultura, im Jahr 2001 von einigen Ostasienwissenschaftlern und -interessenten gegründet, hat sich bei Kulturinteressierten, speziell für den asiatischen Kulturkreis, einen anerkannten Namen gemacht; denn dem erklärten Zweck, sich der „Völkerverständigung, Bildung, Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung“ zu widmen, verfolgt man leidenschaftlich und mit wissenschaftlich-künstlerischer Kompetenz. Mit zum engagierten Asia Intercultura Team zählt Dipl. Volksw, Dr. Irene Wegner, die seit Anbeginn als Vereinsvorstand fungiert.

Irene Wegner ist im Rheinland geboren und aufgewachsen und verbrachte nach dem Abitur im Zuge eines Schüleraustauschs ein Jahr in einer Gastfamilie in die USA. Zurück in Deutschland, stand sie vor der großen Frage „Was studiere ich?“. Im Gespräch mit brikada lässt Frau Wegner die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren und schildert, wie sie ihren derzeitigen Beruf fand, den sie von Anfang an leidenschaftlich ausübt.

Wie war das damals mit Ihrer beruflichen Entscheidung?
Ein Studium stand für mich immer fest. Nur die Frage, welche Fächerkombination ich wählen sollte “ das war offen. Nach vielen Überlegungen entschloss ich mich, an der Münchner Ludwig Maximilian Universität Volkswirtschaft als Hauptfach zu studieren. Gleichzeitig liebäugelte ich mit Slawistik und Sinologie. Hier interessierte mich vor allem modernes Chinesisch, das ich zu erlernen begann. Während eines Studienaufenthaltes auf Taiwan während der Semesterferien besuchte ich eine von Missionaren geleitete Universität, fand Kontakt zu chinesischen Studenten und war die meiste Zeit bei taiwanesischen Familien untergebracht.

Wie ging es dann weiter?
Ich schloss dann 1978 zunächst mein Volkswirtschaftsstudium mit dem Diplom ab Danach erhielt ich vom Deutschen Akademischen Austauschdienst in Bonn ein zweijähriges Graduierten-Stipendium in die Volksrepublik China und konnte “ nach einem Crash-Kurs für Chinesisch am Pekinger Spracheninstitut – an der Universität Peking Volkswirtschaft studieren.

War das damals für Sie “ gewissermaßen allein als Frau “ nicht recht schwierig, sich in einem fremden Land zurechtzufinden?
Nun, es waren damals sehr karge Zeiten in China. Für Chinesen waren fast alle Lebensmittel, Textilien und Geräte streng rationiert. Im Studentenheim gab es für uns täglich nur eine Stunde warmes Wasser. Wenn man als chinesischer Student abends lesen wollte, musste man sich dazu unter die Straßenlaterne stellen, um im Zimmer Strom zu sparen. Es waren wirtschaftlich und politisch recht schwierige, zugleich aber auch sehr sehr spannende Zeiten. Dabei waren auch wir Ausländer in allem, was wir unternahmen ziemlich streng kontrolliert. So wurden die meisten unserer Briefe zensiert und Telefonate mitgeschnitten. Auch Reisen waren genehmigungspflichtig und wurden häufig nicht erlaubt. Dennoch gelang es mir, innerhalb meines zweijährigen Aufenthaltes die meisten Provinzen zu bereisen. Ich bekam überall sofort Kontakt, die Menschen waren sehr neugierig und wissbegierig und vor allem, es gab eigentlich keine Kriminalität. Für mich persönlich war es unheimlich spannend, in ein Land zu gehen, das damals nach außen hin noch so sehr abgeschottet war.

Was hat Sie kulturell in China besonders fasziniert?
Das war besonders die Peking Oper. Ich nutzte jede Möglichkeit, um mir die Aufführungen mit ihrer so ausgefeilten Technik und den noch existierenden berühmten chinesischen Schauspielern anzuschauen. Ich beschäftigte mich mit der Geschichte des chinesischen Theaters und lernte einige alte Connaisseure (Opern-Experten) kennen. Die Peking Oper, die ja in der damals gerade beendeten Kulturrevolution nahezu ausgerottet worden war, lebte langsam wieder auf und hat mich als quasi Gesamtkunstwerk immer außerordentlich fasziniert. Außerdem begann ich mich durch meine Besuche in zahlreichen Provinzmuseen immer mehr für chinesische Archäologie zu interessieren. Beides: die Peking Oper und die chinesischen Archäologie und Kunst bilden die Basis für meine derzeitige berufliche Tätigkeit. 1980 kehrte ich nach München zurück und wandte mich “ obwohl mir ein Superangebot aus der Wirtschaft vorlag – ganz dem Sinologie-Studium mit den Nebenfächern Theaterwissenschaft und Chinesische Kunst und Archäologie zu. Nebenher war ich als Übersetzerin, Dolmetscherin und Autorin im Bereich Sinologie tätig.

Sie schrieben eine Magisterarbeit und später eine Doktorarbeit…?
Ja, in meiner Magisterarbeit ging es um eine chinesische Bronzeglocke im Münchner Stadtmuseum. In einer ziemlich zeitaufwändigen und geradezu detektivischen Untersuchung konnte ich nachweisen, dass diese Glocke mit ihrer Inschrift auf ein sehr berühmtes Glockenspiel aus dem Jahr 433 v. Chr. zurückgeht. In meiner Doktorarbeit ging es um die Entstehung der Schminkmasken in der Peking Oper. Ich erhielt dafür von der Münchner Uni den Promotionspreis 1996 – was mich natürlich besonders freute und ich auch als Anerkennung für meine intensiv recherchierten Arbeiten ansah.

Neben Ihrem Studium waren Sie schon damals kulturell sehr engagiert.
Ja, es gelang mir, die Peking Oper Taiwan nach München in ein privates Theater zu holen. Zugleich haben wir für die chinesischen Künstler die Leitung von Universitäts-Seminaren vermittelt, wobei die ganze Theatertruppe mit ihren Lehrern einige Wochen in München waren. Später kam die Kun Oper, sie zählt zu den ältesten Opern-Formen Chinas, hier nach München. Deren Vorstellungen im Prinzregenten-Theater waren ständig ausverkauft. Obwohl es sich inhaltlich um sehr komplexe Themen handelte, hat das Publikum die Kun Oper dennoch verstanden. Als dritte größere Opern-Truppe kam die Sichuan Oper hierher. Sie trat im Gärtnerplatztheater auf, die Vorstellungen waren brechend voll. Im Sommer 2005 luden wir von ASIA INTERCULTURA ein vollständiges Ensemble der Honan Oper aus Kaohsiung (Taiwan) ein, das im Buchheim Museum und auf der Münchner BUGA Furore machte.

Welches waren die Beweggründe, Asia Intercultura e.V. ins Leben zu rufen?
Nach all diesen Auftritten, Begegnungen mit Asien-Kulturinteressierten und vielen Gesprächen, ging jeder wieder seiner Wege. Das fand ich sehr bedauerlich, denn das vorhandene Kultur-Potenzial war ja vorhanden. Ich suchte mir Kollegen, mit denen ich gemeinsam ein Konzept erarbeitete, um Theater, Musik, Kunst, Archäologie und Literatur aus Asien gemeinsam in Deutschland fachkundlich und gut verständlich zu präsentieren. Im Jahr 2002 wurde der Verein Asia Intercultura in München offiziell gegründet. Ein Dame aus der Wirtschaft übernahm zunächst das professionelle Management.

Das Jahr 2008 ist nicht mehr weit entfernt “ was plant Asia Intercultura?
Wir haben zum Beispiel vor vier Jahren dem Bayerischen Nationalmuseum ein umfangreiches Konzept zu einer Ausstellung über die bayerische China-Mode des 18. Jahrhunderts vorgelegt, das dort auch gleich auf Interesse stieß. Wir hoffen, dass nun bald die von uns initiierte Ausstellung dort stattfinden wird. Wir selber arbeiten an einer bayerisch-chinesischen Oper, die zusammen mit einer der großen chinesischen Theaterakademien realisiert werden soll. Daneben planen wir kulturvergleichende Konzerte und auch vermehrt literarische Projekte. Natürlich soll auch unser Magazin weitergeführt werden und wenigstens eine Kunstausstellung stattfinden.

Das Interview führte Brigitte Karch©
Weitere Informationen:
www.asiaintercultura.de

(Der Link wurde am 23.11.2007 getestet.)

Foto: Brigitte Karch©