Uni Tübingen: „Lotte Reiniger – Tanz der Schatten“ in Kino und auf ARTE


Nicht Walt Disney – wie gerne behauptet –, sondern der deutschen Filmkünstlerin Lotte Reiniger ist der erste abendfüllende und vollkommen erhaltene Animationsfilm der Filmgeschichte zu verdanken. Schon als junges Mädchen übt sich Lotte Reiniger im Schattenspiel und Schattentheater, entwickelt ein besonderes Talent zum Scherenschnitt und porträtiert auf diese Weise Mensch und Tier.

Später wird sie zur Pionierin des künstlerisch hochwertigen Trickfilms: Drei Jahre intensive Arbeit führten 1926 dazu, dass der erste animierte Held der Trickfilmgeschichte in den „Abenteuern des Prinzen Achmed“ die Stummfilmleinwand erobern konnte. Reinigers Film, eine neue Spielart des Kunstfilms zwischen Jugendstilästhetik, Expressionismus und Zaubermärchen, wurde in Paris vor großem Publikum uraufgeführt und von Filmkünstlern wie Jean Renoir und Dichtern wie Bertolt Brecht bewundert.

Studierende und Dozenten des Lehrstuhls für Film und Fernsehwissenschaft der Universität Tübingen haben eine 60-minütige Dokumentation über die Pionierin des Animationsfilms gedreht. „Lotte Reiniger ‒ Tanz der Schatten“ ist erstmals am Donnerstag, 26. Juli um 20.30 Uhr im Tübinger Kino Museum, Studio zu sehen.

Der Film entstand am Institut für Medienwissenschaft als Koproduktion der Universität mit EIKON SÜDWEST und ARTE und wurde durch das Land und die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg gefördert. Die Autoren, Professor Dr. Susanne Marschall, Dr. Rada Bieberstein und Kurt Schneider, M.A. werden bei der Premiere anwesend sein. Sie entwickelten die Konzeption des Films und setzten diese dann – unterstützt durch ein professionelles Filmteam und das Stadtmuseum Tübingen – zusammen mit Master-Studierenden des Studiengangs „Medienwissenschaft – Medienpraxis“ um. So hat das ambitionierte Filmprojekt auch eine ungewöhnliche Produktionsgeschichte. Das Ergebnis resultiert aus einer neuen Form des Lehrens und Lernens, die auf universitärem Niveau erprobt wurde. Der Film wird auch von ARTE ausgestrahlt.

Die Dokumentation ist eine künstlerisch hochwertige Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk Lotte Reinigers. Erstmals werden ihre Filme und ihr Einfluss auf andere Künstler in einen film-historischen Zusammenhang gestellt. Mit erstaunlich aktuellem Befund: bis heute sind ihre Scherenschnitte und Schattenspiele Inspirationsquellen für Animationsfilmer weltweit. Filmkünstler wie Michel Ocelot und Hannes Rall kommentieren die Wirkung des Werks, das durch die Animationen Ben Hibons bis in die magische Welt Harry Potters reicht. Der Film blendet von den Lebenserfahrungen der Künstlerin auf ihr Werk und enthält neu aufgefundenes Material, das Reiniger bei der Arbeit an ihren letzten Filmen in Kanada zeigt.

Das Tübinger Team konnte als Sprecherin des Filmkommentars die Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin Maren Kroymann gewinnen, die in Tübingen aufgewachsen ist. Maren Kroymann hat zahlreiche Kinofilme („Maria, ihm schmeckt´s nicht“) sowie Fernsehserien („Oh Gott, Herr Pfarrer“, „Vera Wesskamp“) gedreht und begeistert ihr Publikum durch satirische Bühnenprogramme. Ihre Stimme verleiht dem Dokumentarfilm, der sich zwischen film- und kunstwissenschaftlicher Analyse und Künstlerbiografie bewegt, eine besondere emotionale Qualität.

Einer der wichtigsten Partner des Filmprojekts ist das Stadtmuseum Tübingen, in dem der Nachlass Lotte Reinigers aufgearbeitet und in einer Dauerausstellung zu sehen ist. Dank dieser Kooperation sind historische Materialien wie Fotos und Dokumente über Leben und Werk der Künstlerin im Film zu sehen, die bislang noch nicht in einer Dokumentation gezeigt wurden.
Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen Institut für Medienwissenschaft

Weitere Informationen:
www.uni-tuebingen.de
(Der Link wurde am 22.07.2012 getestet.)

Bildtext: Lotte Reiniger bei der Arbeit. Foto: Zentrum für Medienkompetenz/Universität Tübingen