Uni Münster: Brezen, Bier und Fingerhakeln in New York und Milwaukee

 

 

 

 

 

Lesesonntag: Das Münchener Oktoberfest wird nicht erst seit heute in aller Welt nachgeahmt: Bayerische Migranten trugen Historikern zufolge ihre Festkultur schon vor fast 150 Jahren in die USA. Mit Brezen und Weißbier, Fingerhakeln und Zithermusik griffen die Einwanderer kulinarisch und kulturell auf viele Traditionen des Münchener Oktoberfestes zurück, wie die Nordamerika-Historikerin Prof. Dr. Heike Bungert des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster in einem Beitrag für www.religion-und-politik.de schreibt.

„Die Feste sollten Migranten in der Fremde, umgeben von Amerikanern oder Iren, Heimat bieten.“ Schuhplattler und Festzüge in Tracht, Akrobatik-Shows, Wurstfangen und „Kuss im Ring“-Spiele zogen damals bis zu einhunderttausend Menschen an. In New York lockte eine eigene Bavaria-Statue. „Auch Angloamerikaner fanden all das ‚excellent in taste‘“, so Heike Bungert. Ihr neues Buch „Festkultur und Gedächtnis“ aus dem Schöningh-Verlag bietet die bisher umfassendste Übersicht über deutsch-amerikanische Feste wie die „Bayerischen Volksfeste“.

 

Bildunterschrift (l.): Nordamerika-Historikerin Prof. Dr. Heike Bungert. Foto: Julia Holtkötter

„Die bayerischen Migranten griffen seit den 1870er Jahren zahlreiche Rituale aus der heimischen Festkultur auf“, wie Bungert erläutert. „So ließen sich auch Machtverhältnisse gegenüber Angloamerikanern und anderen Ethnien abstecken und Gemeinschaft unter den Deutschamerikanern erzeugen“, erläutert die Forscherin, die für ihre Studie zahlreiche historische Quellen wie US-amerikanische und deutschamerikanische Zeitungen, Vereinsgeschichten und spezielle Festzeitungen in amerikanischen und deutschen Archiven durchforstet hat. „Zugleich wurde der Führungsanspruch der an der Spitze marschierenden Festorganisatoren unterstrichen und die eigene Heimatregion beworben.“ Auch andere Landsmannschaften wie die Schwaben luden in den Hochburgen deutscher Migration wie New York und Milwaukee zu Volksfesten ein.

Enthüllung der Bavaria-Statue

„Obwohl das ‚Oktoberfest‘ 1810 in München entstand, nannten bayerische Migranten in den USA die Feste ‚Bayerisches Volksfest‘“, erläutert Bungert in ihrem Website-Beitrag. Diese Ereignisse boten ihnen „die unvergessenen Sitten und Gebräuche der engeren Heimath“, wie die New Yorker Staats-Zeitung 1893 schrieb. Zehn Jahre zuvor hatten die New Yorker Bayern erstmals eine Bavaria aufgestellt – eine Replik der 1850 in München eingeweihten Statue und in den USA ein identitätsstiftendes Symbol. „Zu Beginn jedes Festes wurde die Statue enthüllt und markierte, wie in München, den Festplatz.“ Doch anders als in der bayerischen Heimat, wo Festzüge zum Oktoberfest eine Besonderheit blieben, gehörte nach den Erkenntnissen der Historikerin in den USA eine Parade oft dazu – mit zahlreichen Anleihen aus der Geschichte und Kultur Bayerns.

Der Festzug in New York stellte regionales Handwerk zur Schau, inklusive einer Sennerei und eines Wagens des Münchner Hofbräuhauses, so Heike Bungert. Neben bayerischen Erkennungszeichen boten die Festzüge auch nationale deutsche Symbole wie die Germania oder Hermann den Cherusker. Auch der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde gedacht. Nicht zuletzt machten bayerische Migranten in Festen und Ritualen auf die eigene deutschamerikanische Geschichte aufmerksam, wie in der Germania-Abendpost für Milwaukee zu lesen war. Sie stellten etwa die Ankunft der ersten deutschen Migranten 1683 in Pennsylvania dar – auch dies eine Möglichkeit, wie die Forscherin schreibt, die eigene bayerische, deutsche und deutschamerikanische Identität zu feiern.

Der Website-Beitrag beschreibt anschaulich, welche Attraktionen die Migranten auf ihren Volksfesten noch anboten, vom Sacklaufen für Jungen über das Scherenspiel für Mädchen bis zu „Monstrositäten“ und Schubkarren-Wettfahrten für junge Erwachsene, denen die deutschamerikanischen Feste als Heiratsmarkt dienten.

 

 

 

 

Bildunterschrift (r.): Heike Bungert: „Festkultur und Gedächtnis – Die Konstruktion einer deutschamerikanischen Ethnizität 1848–1914“. 1. Aufl. 2016,637 Seiten, 13 s/w Grafiken, 41 s/w Abb., 6 s/w Tab.,Festeinband. ISBN: 978-3-506-78185-7. EUR 69.00. Erschienen im Schöningh Verlag www.schoeningh.de

 

 

Heutige „Oktoberfests“ in den USA und weltweit kommerzialisiert

Heute sei das Oktoberfest, das jedes Jahr Tausende von US-Amerikanerinnen und -Amerikanern nach München lockt, in Nordamerika wieder so populär wie damals, schreibt die Forscherin. Die meisten der heutigen „Oktoberfests“ und „Germanfests“ in vielen Städten der USA seien „Neuerfindungen“ der vergangenen fünf bis 40 Jahre. „Ihre Initiatoren sind zwar bemüht, an die Münchner Tradition anzuknüpfen – sie sind jedoch, wie in anderen Ländern der globalisierten Welt, häufig eher Deutsch als Bayerisch ausgerichtet und in der Regel sehr kommerzialisiert. Das war vor gut hundert Jahren noch anders.“

In ihrer Publikation „Festkultur und Gedächtnis“ analysiert Historikerin Heike Bungert anhand zahlreicher Fallbeispiele, wie die Migranten ein eigenes deutschamerikanisches Selbstverständnis und ethnisches Gedächtnis entwickelten. Das Buch trägt den Untertitel „Die Konstruktion einer deutschamerikanischen Ethnizität 1848–1914“. Anhand umfangreicher Archivalien und Zeitungen aus den USA und Deutschland bietet die Autorin die bislang umfassendste Übersicht über die großen deutsch-amerikanischen Feste – von Sänger-, Turn-, Schützen-, Volks- und Arbeiterfesten über Schiller-Feiern zu regionalen Jubiläen und „Deutschen Tagen“. Zugleich untersucht sie, wie sich das Geschichtsbild der Migrantinnen und Migranten im Laufe der Zeit wandelte und welchen Einfluss Konflikte wie der amerikanische Bürgerkrieg und die neue Wilhelminische „Weltpolitik“ des deutschen Kaiserreiches hatten. Im Website-Beitrag „Als Bayern ihre Volksfeste nach Amerika exportierten“ führt sie die Forschungsergebnisse des Buches zu den Bayerischen Volksfesten aus. (ill/vvm)

(Quelle: Viola van MelisZentrum für Wissenschaftskommunikation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster)

Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2016/sep/Anssichtssach…

Titelbild: Nordamerika-Historikerin Prof. Dr. Heike Bungert (Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“/Julia Holtkötter) und Titelbild „Festkultur und Gedaechtnis“

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