Straße der Romanik: „Sauge ganz auf mein Herz!“ – das Dreigestirn von Kloster Helfta


Das hohe Mittelalter: Drei Nonnen leben im gleichen Kloster, sehen sich in mystischen Gottesvisionen als Bräute Christi und geraten dabei in Ekstase. Stichworte, die vielen modernen Menschen erst einmal Unbehagen bereiten würden. Sicher hätten sich die frommen Frauen in ihren süßlichen Schwärmereien gegenseitig bestärkt und sich darin verstiegen, so die Vermutung unserer modernen Zeitgenossen, welche die Nonnen für weltfremd oder verrückt gehalten hätten.

Das Dreigestirn von Kloster Helfta Gertrud von Helfta, Mechthild von Hackeborn und Mechthild von Magdeburg, kann dieses Klischee ganz schnell entkräften: provokant, mutig und zupackend, wie sie waren. Drei spannende Frauengestalten, die das Zisterzienserkloster, heute Station an der Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt, im 13. Jahrhundert zum Zentrum der deutschen Frauenmystik und Literatur machten. Über einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren lebten sie dort zusammen, alle drei mystisch begnadet und dichterisch begabt. Ein einmaliger Glücksfall in der Geschichte der deutschen Klöster und Heiligen.

Provokantwaren Lebensweg und Haltung der Mechthild von Magdeburg (um 1207 – 1282). Aus adeligem Hause und gebildet, hätte sie in Luxus leben können. Ein mystisches Erlebnis mit zwölf Jahren stellte die Weichen anders. Mit 20 Jahren zog sie in die nahe Bischofsstadt Magdeburg, um als Begine zu leben. Als Mitglied dieser Gemeinschaft geistlicher, aber in der Welt wirkender Frauen, lebte sie für die Armen der Stadt, saß an Krankenlagern und begleitete Sterbende.

Um 1250 begann Mechthild, ihre Bilder der Christusbegegnung aufzuschreiben. Den Theologen in Magdeburg ging sie mit ihren freizügig formulierten Visionen vom himmlischen Liebhaber schon bald auf die Nerven. Sie schoss zurück, nannte die Domherren „stinkende Böcke“ und kritisierte sie als geistig starr. Daraufhin musste sie sich und ihr Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ vor dem Kirchengericht verteidigen.

Mechthild von Magdeburg ist in den Fünfzigern, als sie krank und gebrechlich Zuflucht findet im Zisterzienserinnenkloster Helfta. Ihre letzten Buchkapitel soll sie erblindet den Mitschwestern diktiert haben, umso heller leuchtete ihr Geist. „Gott spricht zur Seele: Du bist mein Lagerkissen, mein Liebesbett. … Du bist eine Lust meinem Gottsein, ein Trost meinem Menschsein, ein Bach meinem Durst.“ Poetisch und mit großer Ausdruckskraft beschreibt Mechthild in Bildern, Rhythmen und Traumerfahrungen ihre dialogische Beziehung zu Gott. Inspiriert wird sie dabei von der zeitgleichen Minnelyrik und dem Hohelied der Bibel. Ihre Schriften zählen zu den beeindruckendsten Beispielen der deutschen Frauenmystik.

Inhaltlich und stilistisch nahe stehen ihrem Werk die Offenbarungen ihrer Mitschwester Mechthild von Hackeborn (1241-1299). Die Visionärin beschreibt Christus als berührbaren Gott und sein Herz als erschütterndes Symbol seiner Fleischwerdung in dieser Welt. Weil Gott so ein Menschenfreund ist, folgert sie, ist Gottesdienst immer auch barmherziger Menschendienst. Ihre Mystik ist keine Privatangelegenheit, sondern Impuls für aktive Nächstenliebe.

Diese Stoßrichtung der in Innenschau erfahrenen Liebe hinaus in die Welt prägt auch das Werk ihrer Mitschwester Gertrud von Helfta (1256-1301/02). Diese schildert in ihren kunstvollen und hochpoetischen „Exercitia spiritualia“ ein einziges Erleben: die Erfahrung Gottes als „amor deus“, als GottLiebe. Es gibt wohl selten ein theologisches Werk, das sich so radikal auf diese Botschaft von Gott, der die Liebe ist, ausrichtet. „Du bist meines Herzens einziges, ganzes, liebstes Wesenskernchen; dir allein hat sich glutvoll angeschmiegt meine Seele. … O liebstes teuerstes Herz, in dich, so bitte ich, sauge ganz auf mein Herz .“ Gertruds Folgerung: Durch Gottes unbändige Liebe geschaffen, ist der Mensch bestimmt für eine Liebe, die auch die Grenze des Todes überwinden wird. Er soll diese Liebe leben und für andere fruchtbar machen. Der Triumph der Liebe, eine lichtvolle Botschaft in einer dunklen, Zeit angesichts des Untergangs aller Ordnungen. Heute so befreiend wie damals.
Quelle: © by CAB Artis 11-2012

Weitere Informationen:
www.strasse-der-romanik.de
www.kloster-helfta.de

Bildtext: Idealanlage eines Mittelalter-Klostergartens mit Hochbeeten für Würz- und Gemüsepflanzen. Foto: © CAB Artis 2013