Museum Georg Schäfer zeigt „Geliebte Tyrannin Mode“

Lesesonntag: „Mode ist jene kurze Zeitspanne, in der das völlig Verrückte als normal gilt", räsonierte der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854 – 1900) über das Verfallsdatum modischer Kapriolen. In seiner Epoche gab es davon auffallend viele. Hüte groß wie Eßtische, monströs aufgeblähte Keulenärmel und Reifröcke mit zimmergroßen Durchmessern machten modisch gekleidete Damen zu raumgreifenden Kunstwerken. Exzesse gab es auch in die entgegengesetzte Richtung. 

 

 

 

Bildtext (l.): Franz Joseph Leopold, Blauer Merino-Überrock/Blaues Märzkostüm, 1813, Gouache über Bleistift, mit Bleistift gerändert, 16,7 x 10,5 cm, Museen und Galerien Schweinfurt, Sammlung Dr. Rüdiger Rückert

 

Die Aufklärung mit ihrer Forderung nach der Rückbesinnung auf die Natur, schuf einen neuen Trend: die "nackte Mode". Frauen hüllten sich in hauchdünne Musselinstoffe, die so transparent waren, dass auf Unterwäsche verzichtet werden musste. Sie prägten gar ein eigenes Krankheitsbild: die "Musselinkrankheit". Viele Frauen fielen ihr zum Opfer, litten an Verkühlung und Lungenentzündung. Modewahnsinn eben.

Dessen schillernde Auswüchse präsentiert die aktuelle Sonderausstellung "Geliebte Tyrannin. Mode in Bildern des 19. Jahrhunderts" im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. 85 Arbeiten auf Papier, darunter Grafiken bedeutender Künstler, sowie Zeitschriften und Bücher von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg verdeutlichen auch die bedeutende Rolle des wandelbaren Phänomens für Kunst und Gesellschaft der Zeit. Mode verriet viel über den Sozialstatus der Trendsetterin und die damals aktuellen politischen Strömungen.

Bildtext: Johann Nepomuk Ender, Bildnis der Johanna (Giovanna) Gräfin Nugent, 1828, Bleistift, Aquarell, 18,5 x 13 cm, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

 

Das erste umwälzende Ereignis des betrefffenden Zeitraumes, die Französische Revolution, wurde von der Mode seismographisch vorhergesehen. Mitten hinein in die komplizierte und überbordende Rokokokleidung erfolgte in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts der modische Knall noch vor dem gesellschaftlichen: die vereinfachte und funktionelle Mode der Aufklärung. Ironischerweise erwies sich hier Marie Antoinette, die letzte Monarchin des Ancien Régime, als Trendsetterin.

Die Antike wurde zum Vorbild des neuen, schlichten Stils, die Hauptrolle spielte das Chemisenkleid. Wie ein damals angesagtes Modell à l'antique aussah, zeigt eine aquarellierte Zeichnung, die 1790 das Journal des Luxus und der Moden illustrierte. Das „Lifestyle-Magazin“ der damaligen Zeit hatte europaweit großen Einfluss auf die Verbreitung modischer Neuheiten – die Schweinfurter Sammlungen verfügen über Originalbände von 1786 bis 1827, ein großer Schatz.

 

Diana die Göttin der Jagd und des Mondes inspirierte das anspruchsvolle Gewand. Über einem fließenden Chemisenkleid trägt die Dame ein Obergewand aus blauem und weißem Taft, mit großem Dekolleté und ausgeschnittener Taillenpartie, die durch ein Korsett schmal gehalten wird. Die hochgetürmte, antikisierende Löckchenfrisur wird durch ein goldenes Diadem mit Sternen geziert.

 

Bildtext: La Mode en 1910. Le tout dernier chic. (Die Mode 1910. Der allerletzte Chic), 1910, Ansichtskarte, 14 x 9,5 cm, Privatbesitz

 

Mit der schmalen Form hielt sich die Mode nicht lange auf. Der Silhouettenwandel wurde atemlos weitergetrieben. Im Wechsel standen verschiedene Körperteile im Fokus, um die Aufmerksamkeit der Männerwelt immer wieder neu zu fesseln. Trompeusen, eine Art Push-Up, polsterten den Busen auf, Keulen- oder gar Elefantenärmel betonten die Oberarme. Dann schwoll der Rock an und verlangte nach stützenden Elementen. In der Gründerzeit (1870-1890) sollte der Po die Männerblicke anziehen. Die Tournüre, ein Gestell aus Stahl- oder Fischbeinstäbchen, wurde so um das Gesäß geschnallt, dass dieses prall beeindruckte. Auf die Spitze getrieben wurde das Volumen des Hinterteils mit dem „Cul de Paris“. Ein Trend, der auch heute wieder um sich greift: weibliche Stars lassen sich ihren Po mit Silikon oder Eigenfett aufspritzen.

Diese Auswüchse der Mode des 19. Jahrhunderts boten den Karikaturisten reichlich Stoff: Der Betrachter amüsiert sich über verbogene Frauenfiguren, deren angeschwollene Körperteile sie bedenklich ins Kippen bingen.

 


Bildtext: Pariser Modekarikaturen du dernier gout, 1801, in: Journal des Luxus und der Moden, 16. Band 1801, Dezember, Tafel 37, Stadtarchiv Schweinfurt, Sammlung Rückert

 

Künstler schwelgten in den optischen und stofflichen Reizen, die ihnen die Mode bot. Mit Adolph Menzels Cercle am Hof Kaiser Wilhelms I. von 1879 kann das Museum Georg Schäfer ein malerisches Meisterwerk des deutschen Vorimpressionismus präsentieren. Die Rückseite einer Debütantin, die sich dem Kaiser vorstellt, wird zum Zentrum des Bildes. Wie weiße Gischt fallen die Massen des kaskadenartig drapierten Kleiderstoffs zu Boden: Durchwirkt mit rosa Rosen und scheinbar entspringend aus einem zarten und transparenten Schleier, der vom Haar der Dame herunterfließt. Ein echter Hingucker, an dem man sich nicht satt sehen kann.

Geliebte Tyrannin – Mode in Bildern des 19. Jahrhunderts, Museum Georg Schäfer. 14. Dezember bis 8. März 2015. Öffnungszeiten: Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Do bis 21 Uhr.
Text: Sabine Haubner 

Über die Autorin: Sabine Haubner (l.) ist Journalistin und Pressetexterin, lebt in einem idyllischen Weinort in der Nähe von Würzburg. Thematisch ist sie in den Bereichen Kunst, Kultur und Geschichte zuhause und hat ein Faible für die überraschenden und skurrilen Aspekte der Geschichten, die das Leben schreibt. Kontakt: sabine.haubner@email.de. Foto: Privat

 

 

 

Weitere Informationen:
www.museum-georg-schaefer.de

 

Titelbild: Anonymus, Zwei Damen und ein Herr mit einem Joujou Normand (Jojo), 1791, Aquarell über Bleistift, 20,5 x 16,7 cm, Museen und Galerien Schweinfurt, Sammlung Dr. Rüdiger Rückert