Übersetzerin Bettina Bach: „Das Niederländische entwickelt sich rasend schnell“

 

 

 

 

Das Buch erzählt die Jugend von Sam, eines Sohnes marokkanischer Einwanderer in Amsterdam. Sams Eltern sind Analphabeten, sein Bruder ist kriminell und er selbst kämpft jeden Tag mit Vorurteilen. Trotzdem schafft er den Weg ans Gymnasium und zum Abitur.

In der Reihe „Niederländisch zum Verlieben“ kommen die Übersetzerin und der Autor ins Gespräch. Bettina Bach wird von den sprachlichen Besonderheiten und Schönheiten des Niederländischen erzählen und Lust auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse machen.

Was hat Ihnen an Samir, genannt Sam gefallen?

Mano Bouzamours Roman ist sehr temporeich. Das und sein enormer Witz haben mir Spaß gemacht. Der Witz des Buches ergibt sich einerseits aus Situationskomik, andererseits aus der bildhaften Sprache.

Hinter Bouzamours Sprache steckt viel Können. Er hat teils einen umgangssprachlichen, zeitgenössischen Stil, teils drückt er sich sehr gehoben aus. Dazu kommt eine eigene Sprache, die die Kinder marokkanischer Eltern in den Niederlanden untereinander benutzen. Gleichzeitig markiert Bouzamour durch die Entwicklung der Sprache den Bildungsprozess seines Helden Sam.

War es eine Herausforderung, die Umgangssprache und den Slang aus dem Buch zu übersetzen?

Die Sprache des Romans ist auch im niederländischen Original sehr ausgefeilt. Mano Bouzamour lässt seine Helden zwar Jugendsprache sprechen, aber auf sehr ausgewogene Weise, er benutzt die Umgangssprache als Effekt. Das Schwierige war, im Deutschen auch den passenden Ton zu treffen.

Für den besonderen Slang der marokkanischen Niederländer gibt es online inzwischen Wörterbücher. Manchmal habe ich mich sogar dafür entschieden, die Vokabeln aus dem Original stehen zu lassen. Zum Beispiel sagen Sams Freunde zueinander „Gappie“. Man muss nicht wissen, dass einfach nur „Freund“ bedeutet. Man versteht trotzdem, dass das eine lockere Anrede ist.

Wie lange dauert die Arbeit an einer Übersetzung?

Das hängt natürlich davon ab, wie lang und wie anspruchsvoll ein Buch ist. Im Schnitt übersetzt man ungefähr fünf bis maximal zehn Seiten an einem Tag. Mit Samir, genannt Sam habe ich etwa drei Monate verbracht – und zwar mit viel Freude.
 

Was ich mir am Anfang schwierig vorgestellt hatte: Das Übersetzen der vielen Alliterationen. Manches steht hauptsächlich deshalb in Manos Buch, weil es alliteriert – aus lauter Spaß am Spiel mit der Sprache. Zum Beispiel gibt es an einer Stelle Typen, die „Kaugummi kauend kontinuierlich auf ihre kostbaren Kackuhren kuckten.“ Es war aber gar nicht so schwierig, sondern hat sich als großer Spaß erwiesen. Bei den Alliterationen war es ein Vorteil, dass sich die Wörter im Niederländischen und im Deutschen zum Teil ähneln.

Wie haben Sie Niederländisch gelernt?

Ich bin mit Anfang 20 in die Niederlande gezogen, um dort zu in einem Verlag zu arbeiten und zu studieren. Die Sprache habe ich zunächst in einem Kurs gelernt.

Deutschen fällt es oft nicht leicht, Niederländisch zu lernen. Vielleicht liegt es daran, dass sie Niederländisch nicht als eigene Sprache wahrnehmen, weil sich die Sprachen an der Oberfläche so ähnlich sind. Ich bin gleichermaßen Französisch- wie Deutsch-Muttersprachlerin und bei mir hat sich damals mein Französisch-Hirn eingeschaltet. Ich habe das Deutsche vollkommen ausgeblendet. Vielleicht war das unbewusst, damit es mir nicht im Weg ist. Ich habe dann nach drei Monaten die Niederländisch-Prüfung abgeschlossen, mit der ich studieren durfte.

Insgesamt habe ich sechs Jahre in den Niederlanden gelebt und weiter gelernt. Die Sprache entwickelt sich sehr schnell, die Regeln verändern sich schneller als im Deutschen. Als jemand, der die Sprache systematisch gelernt hat, kenne ich die Grammatik manchmal besser als ein Muttersprachler.

Was empfehlen Sie, wenn wir noch mehr niederländische Schriftsteller entdecken wollen?

Die Niederlande haben viel zu bieten. Mir fällt Gerbrand Bakker ein, dessen neuestes Buch Jasper und sein Knecht heißt. Ebenso Stefan Hertmans Der Himmel meines Großvaters und Peter Terrins Monte Carlo. Unbedingt empfehle ich Tommy Wieringas Dies sind die Namen, das ich selbst übersetzt habe. Der Roman erzählt vom aktuellen Flüchtlingsdrama und handelt von einem Polizisten sowie einer Gruppe Menschen, die von skrupellosen Schleppern irgendwo in Osteuropa buchstäblich in die Wüste geschickt wurden.
Das Interview führte Martin Jost.

 

 

 

Über Bettina Bach. Sie übersetzt vor allem zeitgenössische Literatur und Jugendbücher aus dem Niederländischen. 2014 wurde sie mit dem Else-Otten-Übersetzerpreis ausgezeichnet. Neben den Niederländern Arjan Visser, Jan Siebelink, Miek Zwamborn und Tommy Wieringa hat sie auch französische und englische Autoren übersetzt. Bettina Bach lebt mit ihrer Familie in Jena.

 

 

 


Über
Mano Bouzamour: geboren 1991 in Amsterdam, studiert Geschichte und lebt als Autor und Kolumnist in Amsterdam. Sein Debut Samir, genannt Sam ist zum Teil autobiographisch und wurde in seinem Heimatland zum Überraschungserfolg und Bestseller.
 

Am Montag, 26. September sind Bettina Bach und Mano Bouzamour mit „Niederländisch zum Verlieben“ an der Offenen Akademie der Münchner Volkshochschule zu Gast. Die Veranstaltung in der Black Box im Gasteig beginnt um 19:00 Uhr. Karten gibt es an der Abendkasse sowie online: http://vhs.link/2hkh9f

 

 

Mano Bouzamour: "Samir, genannt Sam", aus dem Niederländischen übersetzt von Bettina Bach, 296 Seiten, gebunden, 22 Euro., ISBN 978 3 7017 1657 9, erschienen im Residenz-Verlag Wien 2016

 

 

Weitere Informationen:
www.mvhs.de/offene-akademie
www.residenzverlag.com
 

 

Titelbild: Bettina Bach. Foto ©: Privat; Mano Bouzamour. Foto ©: Mart Boudestein

 

 

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