Sina Trinkwalder bei Bücher Pustet: „Ich bin kein destruktiver Mensch, aber die Moral ist uns abhanden gekommen!“

 

 

 

 

 

Lesesonntag: „Die Welt ist nicht so wie es scheint, daher sind Bücher wie sie Sina Trinkwalder schreibt, so wichtig. Sie zeigt auf, wie man es anders machen kann“, betonte einleitend Stefan Ulrich Meyer, Programmleiter Sachbuch im Droemer-Knaur Verlag, München, der sich zugleich über das „überwältigende Interesse des Publikums an der Person Sina Trinkwalders“ freute.

 

Bildunterschrift (o.v.l.): Anja Völlger, Filialleiterin Bücher Pustet, Augsburg: „Sina Trinkwalder zeigt Wege auf, wie man anders handeln könnte.“ Sina Trinkwalder: „Werden wir verarscht oder wollen wir uns verarschen lassen?“ Foto: Brigitte Karch

 

„Die Schwierigkeit besteht darin, solche Ideen zwischen zwei Pappedeckel zu bringen“, schwäbelte Sina Trinkwalder. Im Oktober 2015 habe sie nach einer Schreibblockade das Buch geschrieben, das Manuskript im Januar dieses Jahres weggeschmissen, um dann im April 2016 mit dem nun fertiggestellten Buch auf den Markt zu kommen.

Aus der Lesung wurde für die Anwesenden eine handfeste Lektion in Sachen Nachhaltigkeit: kritisches Hinterfragen, ob „Fair“ wirklich „Fair“ ist, ob „Bio“ wirklich „Bio“ ist – und was ist eigentlich aus der öffentlichen Diskussion um Analogkäse für Pizza und Co. geworden – von den Foodchemikern vielleicht doch nur zu veganem Käse …? Oder noch etwas: kommen die Gelder aus fairen Produkten und fairen Handel tatsächlich bei den Bauern und Handwerkern der sogenannten 3. Welt an?  Die wievielte Schule wird dort von den für „Charity“ eingesammelten Geldern gebaut, ohne dass auch nur ein einziger Schüler darin zu sehen ist? Wie viele Traktoren stehen dort völlig nutzlos herum, entweder weil sie keiner bedienen kann oder es keine Ersatzteile gibt? stellt Sina Trinkwalder rhetorisch in den Raum. „Fair“ und „Bio“, um den Verbrauchern ein gutes Gewissen mit Wohlfühleffekt zu verabreichen oder missbraucht als Marketingkonzepte zur Stärkung des Unternehmenswachstums? Was die Verbraucher zu wollen haben, bestimmen wir, wir die global agierenden Konzerne! regt sich die manomama-Chefin ohne Ende auf.

 

Bildunterschrift (l.): Geboren, in einem kleinen Ort, den sowieso niemand kennt und der nördlich von Augsburg liegt (O-Ton), zeigte Sina Trinkwalder in ihrem jüngsten Buch Wege auf, wie sich Verbraucher gegen unfair handelnde Wirtschaft und Handel wehren können. Foto: Brigitte Karch

 

 

Schließlich greift sie zur Gitarre und wettert Bardengleich druckvoll über all das, was bei uns seit langem schiefläuft, aber – meint Sina Trinkwalder – so darf es nicht weitergehen. Wege aus dem Immer-billiger-Produzieren (Industrie und Handel) und Immer-billiger-Einkaufen (Konsumenten) sieht sie vor allem im kritischen Hinterfragen durch den Verbraucher, woher die mit „Nachhaltigkeit“ produzierten Waren stammen und wem das „fair“ wirklich zugute kommt. Ein Gleiches gilt, wenn sich ein Discounter mit einem Nachhaltigkeits-Award schmückt. „Lassen Sie sich nicht täuschen, fragen Sie nach, insistieren Sie auf Transparenz!“

 

Bildunterschrift (o.): Wenn „unsere“ Sina zur Gitarre greift … Foto: Brigitte Karch

 

Sina Trinkwalder schüttete kaskadenweise ihre Ansichten über das fasziniert-andächtig lauschende Publikum – immer wieder selbst unterbrochen durch Anekdoten, vielleicht auch um dem Ernst der Sache etwas die Schärfe zu nehmen. Wenn sie etwa Willy Milowitsch sinngemäß zitiert: für jeden kommt einmal die Wahrheit, dann heißt es lügen, lügen, lügen! Oder: Es wird gemogelt, bis der Kunde das Gegenteil beweisen kann. Aber auch: Bei einer telefonischen Terminbestätigung hörte sie zufällig wie ihre Mitarbeiterin sagte: „Ja, natürlich können Sie sich auf die Termineinhaltung 'unserer' Sina verlassen!“ – welch beneidenswert menschlicher Umgangston herrscht im manomama, kann man da nur sagen.

Fazit: Kaufen Sie nicht bei großen, global agierenden Konzernen ein; denn dort ist 'fair' verhandelbar geworden. Kaufen Sie regional und bei kleinen Unternehmen!“

 

Bildunterschrift (r.): „Fair Trade war eine tolle Idee, doch der Begriff 'fair' ist verhandelbar geworden und damit ist die Transparenz der Produktherkunft abhandengekommen“, kritisiert Sina Tinrkwalder. Foto: Brigitte Karch

Gewissermaßen als Zugabe lies Sina Trinkwalder den offiziellen Teil des Leseabends mit folgender kleinen Begebenheit ausklingen: „Als ich im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet werden sollte, wurde ich vorher telefonisch gefragt, ob ich die Auszeichnung annehmen wolle. Bevor ich antworten konnte, erklärte mir der Herr am Telefon: 'Keine Angst, Frau Trinkwalder, bevor Sie danach fragen, sage ich Ihnen gleich, dass alles regional hergestellt wurde: das Kreuz in Karlsruhe und das Band stammt aus dem Schwarzwald'“. Frau Trinkwalder nahm die Auszeichnung an!
Brigitte Karch

 

Weitere Informationen:
www.manomama.de
www.pustet.de
www.droemer-knaur.de

 

Titelbild: Sina Trinkwalder selbstkritisch: Wir haben unsere Moral verkauft – da nehme ich mich nicht aus!“ Foto: Brigitte Karch