Eres-Stiftung: Scientific Gardening – Vernetzung aus Botanik, Kunst und Wissenschaft

Sie interpretieren ältere wissenschaftsbasierte Abbildungsverfahren wie botanische Lehrmodelle aus dem 19. und 20. Jahrhundert und nutzen aktuelle wissenschaftliche Methoden wie Elektronen- und Fluoreszenzmikroskopie. Winzigste Zellstrukturen wachsen ins Gigantische, normalerweise für das Auge verborgene Prozesse der Natur werden sichtbar oder schlagen überraschende Brücken vom Studium der Botanik hin z.B. zur industriellen Massenproduktion von Schnittblumen, wie ein Video zeigt, das etwaige romantische mit Valentinstag- oder Muttertagsblumen verknüpfte Gefühle lädiert.

Bildtext (r.u.): Die Schweizer Künstlerinnen Jacqueline Baum und Ursula Jakob stellen die Heliogravüre einer "Kratzdistel" einem Video über die industrielle Tulpenproduktion in Holland gegenüber. Foto: Baum/Jakob

Die mit dem Chemie-Nobelpreis 2014 ausgezeichnete STED-Mikroskopie stellt dynamische Prozesse der lebenden Pflanzenzelle hoch auflösend dar. Forschern der Universität Würzburg ist es z.B. gelungen darzustellen, wie Trockenstress ausgelöst wird. „Scientific Gardening“ zeigt, wie Pflanzen die Poren ihrer Blätter, die den Energie- und Wasserhaushalt regulieren, schließen. Pflanzen schütten Stresshormone aus, die durch Trockenheit, Hitze oder salzige Böden ausgelöst werden.

Salzige Böden entstehen vermehrt in Autobahnnähe – Streusalz, mit dem die Fahrbahnen im Winter eisfrei gehalten werden, setzt sich in der Erde fest. Ganz neue Pflanzenfamilien siedeln sich an, was u. a. an Autoreifen haftende „fremden“ Samen und Pollen befeuert wird. Zu diesem Thema ist ein Video zu sehen.

Die amerikanische Künstlerin Helen Mirra ehrt die Tradition des Sammelns und Konservierens von Pflanzen. Sie begab sich am nördlichen Polarkreis auf eine Expedition ins Pflanzenreich. Ihre 16-teilige Bildserie mit selbst gesammelten Pflanzen gibt einen Einblick in ihr Herbarium, das Kunst und Pflanzen verbindet. Sie kontrastiert die zarte Anmut ihrer Pflanzenkombinationen mit einem disharmonischen Verhältnis von Mensch und Natur und nutzt die Möglichkeit des Herbariums, um seltene Naturschätze in die Zukunft zu retten. Viele Pflanzen aus der Arktis sind auch in den Alpen beheimatet wie der Alpenehrenpreis oder der Krause Rollfarn. Diese auf niedrige Temperaturen und kurze Sommer eingestellten Arten können bei weiter steigenden globalen Temperaturen nicht mehr in höhere Regionen ausweichen.

Bildtext (l.): Flora & Fauna tummeln sich auch im Internet: Viren und Würmer. Markus Huemer hat den "Gewöhnlichen Sumpf-Bärlauch" in der digitalen Welt entdeckt. Seine Serie "Net Nlora" bezieht sich auf alte Kupferstiche der barocken Künstlerin Maria Sibylla Merian. Foto: Christoph Knoch

Bildtext (o.r.): Junge gerollte Blätter des Echten Wurmfarns, ein Motiv des Fotokünstlers Robert Voit. Die Blätter sind aus – Plastik! Foto Robert Voit

Zu den beeindruckendsten Exponaten zählt das Video „Imagine Tree“ des japanischen Künstlerpaares Julia und Ken Yonetani. Angelehnt an animistische Vorstellungen des japanischen Shintoismus, nimmt ein Baum fast menschliche Züge an: rhythmische Atemzüge, Mikroskopaufnahmen atmender Blatt- und Rindenporen, die in der riesigen Vergrößerung an Münder und Augen erinnern, faszinieren nicht nur, sie erweitern auch wissenschaftliche Erkenntnisse um Klimamodelle.
Doris Losch

„Scientific Gardening“ in München dauert noch bis zum 27. Juni 2015. Ausstellungsort: Eres-Stiftung, Römerstr. 15, D–80801 München.

Weitere Informationen:
www.eres-stiftung.de
 

Titelbild: Erkennen Sie's? Das ist ein botanisches Lehrmodell von Haselnusssamen. Foto: Eres-Stiftung/Jens Bruchhaus