Dr. Barbara Schramkowski legt Studie über junge MigrantInnen vor


Nach außen gut integriert wirkende junge Erwachsene mit Migrationshintergrund fühlen sich selbst oft nicht integriert und somit der deutschen Gesellschaft nur eingeschränkt oder auch gar nicht zugehörig. Grund sind rassistische Zuschreibungen und Ausgrenzungen, mit denen sie im Alltag konfrontiert werden. Dies ist das zentrale Ergebnis der von Dr. Barbara Schramkowski im Fach Interkulturelle Pädagogik an der Universität Oldenburg verfassten Dissertation mit dem Titel "Integration unter Vorbehalt. Erfahrungen und Sichtweisen junger Erwachsener mit Migrationshintergrund".

Im Rahmen ihrer qualitativen Studie hat die Erziehungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin Schramkowski 16 junge Erwachsene mit Migrationshintergrund im Alter von 19 bis 26 Jahren mit unterschiedlichem familiären Hintergründen und Schulabschlüssen befragt. Die Hälfte der Befragten ist türkischer Herkunft und in Deutschland geboren. Die anderen sind (Spät-) AussiedlerInnen, die mit ihren Familien als Kinder und Jugendliche nach Deutschland eingewandert sind.
Alle jungen Erwachsenen gelten nach üblichen Kriterien (Deutschkenntnisse, Bildungsbiographie, deutsche Staatsangehörigkeit, soziales Engagement u.a.) als erfolgreich integriert. Ihre Aussagen zeichnen jedoch ein anderes Bild. So antwortet beispielsweise Natascha, eine 21-jährige Verwaltungsfachangestellte, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt, auf die Frage, ob sie sich integriert fühle: "Zu sechzig Prozent. Ich habe keine Schwierigkeiten mit der Sprache, ich habe auch keine Schwierigkeiten, zum Arzt oder zu den Behörden zu gehen. Ich fühle mich eigentlich hier in Deutschland wohl, und ich komme mit dem Leben ganz gut zurecht. Aber bei den Leuten angenommen zu sein, da fehlt es. Und das sind die anderen vierzig Prozent, wo ich merke, dass ich für sie doch etwas anderes, etwas Fremdes bin, ja, ein Mensch zweiter Klasse."

Das Gefühl, nicht integriert zu sein, begründen die jungen Erwachsenen mit den alltäglich spürbaren Trennlinien zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund. Diese in der Untersuchung als Alltagsrassismus bezeichneten Erfahrungen reichen von abwertenden Blicken und Bemerkungen über Mediendiskurse, in denen Eingewanderte vielfach als problematisch hingestellt werden, bis zu Diskriminierungserfahrungen in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt.
Mehrfach berichten die Interviewten über diskriminierende Praktiken der Schulüberweisung.
Eine der Befragten berichtet, dass sie zu einem Vorstellungsgespräch für eine Ausbildungsstelle eingeladen wurde, und von der Sekretärin – vermutlich weil sie ein Kopftuch getragen habe – begrüßt worden sei: "Was suchst du hier? Wir haben schon eine Putzfrau."
Viale, eine 24-jährige Volkswirtschaftsstudentin, kommentiert ihre Erfahrungen so: "Ich weiß nicht mehr, was sie noch wollen. Es fehlt nur noch, dass wir unsere Haare blond färben sollen." Ümit, eine 25-jährige Sozialarbeiterin, kommt zu dem Schluss: "Du kannst tun und lassen, was du willst, du bist eine Ausländerin, du bleibst eine Ausländerin."

Vor dem Hintergrund ihrer Erlebnisse und Erfahrungen bewerten die jungen Erwachsenen den Begriff "Integration" überwiegend negativ. "Durch das Wort Integration werden diese Ausgrenzungen gemacht", äußert ein Interviewpartner. An den öffentlichen Diskussionen stört die Befragten, dass gerade dort Trennlinien entlang ethnischer Herkünfte gezogen würden. Integration werde fast ausschließlich im Kontext von Problemen diskutiert und den Eingewanderten die Verantwortung für viele Probleme zugewiesen.

Sich trotz aller Bemühungen in der "Mehrheitsgesellschaft" nicht aufgenommen zu fühlen – darauf reagiert ein Teil der jungen Erwachsenen mit einer deutlichen Distanzierung von der "deutschen" Gesellschaft.

Auch wenn die Ergebnisse ihrer Studie nicht repräsentativ seien, so lieferten sie doch wichtige Hinweise zum Thema Integration, resümiert die Autorin. Man könne und dürfe man nicht über die Problem der Integration sprechen, ohne gleichzeitig über die Erfahrungen von Alltagsrassismus zu diskutieren. Junge MigrantInnen könnten sich nicht ohne Vorbehalt integrieren, solange sie von der aufnehmenden Gesellschaft weiter als fremd wahrgenommen würden. Außerdem würden rassistische Ausgrenzungen dazu beitragen, dass die jungen Erwachsenen sich in "ethnische Mileus" zurückzögen. Das zentrale Ziel von Integration müsse stattdessen sein, die unterschiedliche ethnischer Herkunft gesellschaftlicher Individuen "als fraglos gegebene Selbstverständlichkeit" zu akzeptieren.

Die Studie ist unter dem Titel "Integration unter Vorbehalt. Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund" im IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt a. M./ London) erschienen.

Die Arbeit wurde von Prof. Dr. Rudolf Leiprecht, Universität Oldenburg, Interdisziplinäres Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM), betreut und geht der Frage nach, wie Eingewanderte Integration erleben und verstehen.

Quelle (Text gekürzt): Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg