LWL: Muttertag – Ein Tag für die Mutter?


Frau Cantauw ergänzt: „Es lohnt sich aber trotzdem einmal genauer hinzuschauen und nachzufragen, was es mit diesem Ehrentag auf sich hat:

Die Idee für einen den Müttern gewidmeten Ehrentag fußt auf der Wohltätigkeitsarbeit der Gattin eines Methodistenpredigers in West-Virginia (USA). Ann Maria Reeves Jarvis hatte 1858 den sogenannten Mothers Days Works Clubs gegründet, um Medizin und Haushaltshilfen für Familien zu organisieren, in denen die Mutter an Tuberkulose erkrankt war.

Im Gedenken an die Arbeit ihrer Mutter setzte sich die Tochter von Ann Maria Reeves Jarvis, Anna Jarvis, seit 1907 (ihre Mutter war 1905 verstorben) für einen Gedenktag ein, der die Themen Frieden und soziale Gerechtigkeit als besonderes Anliegen aller Mütter propagieren sollte. 1914 erklärte US-Präsident Woodrow Wilson den sogenannten Muttertag zum offiziellen Feiertag in den Vereinigten Staaten.

Die Idee von Anna Jarvis fiel auch in Europa auf fruchtbaren Boden. So setzte sich beispielsweise der schweizerische Territorialleiter der Heilsarmee seit 1917 für den Muttertag ein, in Deutschland bildete sich sogar eine „Muttertags-Bewegung“, die die Werbetrommel für diesen Ehrentag rührte. „Es wird wohl nicht verwundern, dass der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber eine treibende Kraft der Muttertagsbewegung war.

Daneben gab es aber auch noch andere Förderer der Idee wie zum Beispiel den Reichsbund der Kinderreichen und die Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungspolitik“, erläutert Cantauw. „Letztlich ging es einem Großteil der Initiatoren aber weniger um die Ehrung der Mütter als vielmehr um Umsatzsteigerung oder um die Sorge um den Fortbestand des deutschen Volkes.“

Die Nationalsozialisten griffen die Muttertagsidee begeistert auf, entsprach dieser Ehrentag doch der nationalsozialistischen Doktrin. Der „Tag der Mutter“ wurde zum nationalen Feiertag erhoben und mit groß angelegten öffentlichen Muttertagsfeiern begangen, die man seit den 1940er Jahren auch zur Verleihung der „Ehrenkreuze der Deutschen Mutter“ nutzte. „Erbgesunde, würdige Frauen“, die mehr als vier Kindern das Leben geschenkt hatten, erhielten ein „Mutterkreuz“ in Bronze, Silber oder Gold.

Mutterkreuzträgerinnen hatten Anspruch auf Vergünstigungen und auf einen Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln. „In der Bevölkerung wurde diese Auszeichnung aber nicht immer als solche aufgefasst. Manche Frauen weigerten sich auch den so genannten Karnickelorden zu tragen“, weiß Cantauw.

Hintergrund:
Obwohl man den Muttertag in Deutschland vielfach für eine nationalsozialistische „Erfindung“ hielt, war die Popularität dieses Ehrentages nach dem Zweiten Weltkrieg im Grunde ungebrochen. Die Muttertagsfeiern wanderten aber vom öffentlichen Raum ins Private.

Innerhalb der Familien wurde der Tag so begangen wie es schon Elwin Oliphant 1917 in der Schweiz vorgeschlagen hatte: Singt der Mutter ein schönes Lied vor der Tür ihres Schlafzimmers, überreicht ihr eine weiße Blume, sobald sie zum Morgenessen kommt, lernt ein schönes Gedicht und sagt es auf und macht ihr während des ganzen Tages in jeder Hinsicht Freude.

„Der Muttertag wurde auch kritisiert, doch trotz aller Kritik, die vor allem von der Frauenbewegung an diesem Ehrentag geübt wurde, erfreut sich der Muttertag nach wie vor eines großen Bekanntheitsgrades. Auch die Umsatzzahlen im Einzelhandel belegen, dass sich mit diesem Tag nach wie vor eine Menge Geld verdienen lässt“, resümiert Cantauw. „Anna Jarvis, die Initiatorin des Muttertages, war jedenfalls entsetzt über die Entwicklung, die ihre Idee genommen hat. Sie hat all ihr Vermögen aufgewendet, um gegen die Kommerzialisierung der Idee zu Felde zu ziehen.“

Vortrag:
Wer sich für die Frage interessiert, wie sich die Lebenswirklichkeit von Frauen und die Muttertagsidee seit den 1920er Jahren zueinander verhielten, der sei auf einen Lichtbildervortrag von Christiane Cantauw am 12. Mai um 14.30 Uhr im Mühlenhof-Museum in Münster verwiesen.
Quelle: LWL

Weitere Informationen:
www.lwl.org
(Der Link wurde am 12.05.2013 getestet.)

Bildtext: Mit diesem Gruß erfreute Ina 1930 ihre Mutter am Muttertag. Foto: LWL