Prof. Dr. Ilse Lenz „Gender Orders Unbound?“


Die Globalisierung und die Frauenbewegung haben die Geschlechterverhältnisse ins Tanzen gebracht. Internationale Autorinnen und Autoren diskutieren diese Veränderungen anhand einer Reihe von Fragen im Band "Gender Orders Unbound?", der von Prof. Dr. Ilse Lenz (Lehrstuhl für Soziologie), Charlotte Ullrich und Barbara Fersch herausgegeben wird: Inwiefern haben sich in Arbeit und Familie neue gleichheitlichere Verhältnisse eingestellt, die von mehr wechselseitiger Anerkennung und Balance geprägt sind? Was bedeutet die wachsende Integration der Frauen in Politik und Beruf im Norden und im Süden? Inwiefern haben die Wohlfahrtsstaaten und die Betriebe zur Gleichheit beigetragen? Was haben die Frauenbewegungen bewirkt – für die Frauen, aber auch für Migrantinnen und Migranten oder den Frieden? Dazu schreiben hier Spitzenforscherinnen und -forscher aus Asien, Australien, Deutschland, Frankreich, Russland und den USA. Viele von ihnen haben auf der Marie-Jahoda Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum gelehrt und sind ihr eng verbunden. Das Buch ist jetzt im Verlag Barbara Budrich erschienen.

Zwei Trends: Individualisierung und indirekte Diskriminierung
Die Geschlechterverhältnisse sind weltweit im Wandel, jedoch unterscheidet sich die regionale Entwicklung weiter stark. Zu tief sind Geschlechternormen verankert in nationalen und regionalen Strukturen. Zwei übergreifende Trends haben die Herausgeberinnen aber ausgemacht: zum einen die Herausbildung einer gewissermaßen "genderlosen" ökonomischen Person, die sich immer flexibel den Gegebenheiten des Markts anpasst. Da bei diesem Konzept Pflege und Kindererziehung völlig ausgeblendet werden, drohen die damit verbundenen Tätigkeiten wieder unsichtbar und entwertet zu werden. Das Familienmodell mit männlichem Versorger und kinderversorgender Hausfrau gehört der Vergangenheit an. Stattdessen findet man gleichberechtigte Partnerschaften, in denen sowohl die Frau als auch der Mann erwerbstätig sind. Da die Männer allerdings häufig nicht bereit sind, sich in der Hausarbeit und Kinderversorgung zu engagieren, bleiben diese Tätigkeiten oft an den Frauen hängen. Zweiter Trend ist das formale Verbot der Ungleichheit, das sich in den meisten Staaten durchgesetzt hat, allerdings häufig durch indirekte Diskriminierung ersetzt wird. Ungleichheit wird reorganisiert und tritt in komplexerer Form in Erscheinung.

Globalisierung und Transnationalisierung
Im ersten Teil des Bandes untersuchen die Autorinnen und Autoren die Auswirkungen der Globalisierung auf die Geschlechterrollen. Diane Elson, Beraterin der UN-Fons für Frauen Unifem, zeigt, dass die ökonomische und politische Teilhabe von Frauen weltweit zugenommen hat, aber die Frauen weiter kulturell mit dem Haushalt verbunden werden und ihre öffentliche Bedeutung nicht anerkannt wird. Mirjana Morokvasic untersuchte den Zusammenhang zwischen Migration und Gender. Ihr Fazit: Migration bedeutet nicht unbedingt eine Veränderung der traditionellen Geschlechtsrolle von Frauen. Ilse Lenz plädiert dafür, bei der Analyse von Sozialstrukturen Gender im Zusammenhang von Schicht und Kultur zu erfassen.

Im zweiten Teil befassen sich die Autoren mit Transnationalismus, Global Governance und Frauenbewegungen. So untersucht Myra Marx Ferree das Internet als neues Forum für Frauengruppen und Alison E. Woodward betrachtet die Geschlechtergerechtigkeit in der EU unter dem Aspekt von Intersektionalität, insbesondere von Geschlecht, Homosexualität und Migration. Helen Schwenken analysiert die drei hauptsächlichen Gleichheitsstrategien der EU, Gender Mainstreaming, Anti-Diskriminierung und Managing Diversity (Vielfaltsmanagement) und diskutieren deren Vor- und Nachteile. Anhand der Soldatenmütterorganisation in Russland zeigt Elena Zdravomyslava, wie das Konstrukt der Russischen Mutter, das die Armee und die russischen Patriarchen schätzten, rekonstruiert wird und sich gegen diese Mächte wendet.

Familie, Arbeit, Wohlfahrtsstaat
Arbeit, Familie und der Wohlfahrtsstaat stehen im Fokus des dritten Teils des Bandes. Heidi Gottfried argumentiert, das die Deregulierung der Arbeit in Wirklichkeit eine Re-Regulierung ist. Sie weist darauf hin, dass die Abkehr von der Einverdiener-Familie hin zur Individualisierung neue unsichtbare Belastungen für Frauen bringt, wenn Pflege und Kindererziehung ausgeklammert bleiben. Mari Osawa entwirft ein neues Modell der Sicherung des Lebensunterhalts (livelihood security system) zum Vergleich der westlichen und ostasiatischen Wohlfahrtsstaaten: Sie versteht darunter die Verknüpfung der staatlichen und privaten Sicherungssysteme mit den privaten Unterstützungsleistungen der Familien, der Betriebe und der Wohlfahrtsverbände. Damit untersucht sie die Risiken der Globalisierung und des Strukturwandels aus Geschlechtersicht am Beispiel Japans. Sie deckt auf, wie sehr Männer noch immer bevorzugt werden, wobei die hohen Selbstmordraten gerade der bevorzugten männlichen Erwerbstätigen deren Leiden belegen. Den Einfluss der Frauenbewegung auf die Politik des Wohlfahrtsstaats analysiert Regina-Maria Dackweiler am Beispiel Deutschlands. Sie vergleicht drei feministische Kampagnen und deren Erfolge: Recht auf Abtreibung, Kampf gegen häusliche Gewalt und die Anerkennung von Hausarbeit und Kindererziehung. Die deutsche Polizei untersucht Ursula Müller. Sie findet die Verankerung von Gleichheit in der Struktur, aber die Fortsetzung der Ungleichheit in der Praxis. Die Konzepte von Elternschaft und Familie in Europa untersucht Norbert F. Schneider. Er stellt fest, dass die Gründe des Zusammenhalts in Familien nicht mehr wie früher Blutsverwandtschaft, Status und Gender sind, sondern Beziehung, Gerechtigkeit und Ausgewogenheit des Gebens und Nehmens.

Quelle: Ruhr-Universität Bochum

Lenz, Ilse & Charlotte Ullrich & Barbara Fersch (Herausgeberinnen) „Gender Orders Unbound?“
Globalisation, restructuring and reciprocity, ISBN 978386649-091-8, 33 Euro, erschienen bei Barbara Budrich Publishers, Opladen und Farmington Hills 2007.

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