Franz Marc Museum, Kochel am See: Ernst Ludwig Kirchner – Energie der Linie

Es ist die Energie, die an den in Kochel gezeigten Werken fasziniert. Besucher spüren förmlich die Emotionen, Leidenschaften, auch erotischer Natur, die Ängste, aber auch die aufleuchtende Lebensfreude von Ernst Ludwig Kirchner.

Die Ausstellung stellt die Zeichnungen und Skizzen Kirchners seinen Graphiken, Malereien, sogar nach seinen Entwürfen gefertigte Webarbeiten, Skulpturen an die Seite. In jedem Medium findet Kirchner eine neue ‚Schrift‘, die jedoch immer von der spezifischen Energie seiner Linie beherrscht wird“, sagt Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy.

Bildtext (l.): Je nach Interpretation "Seite eins" oder "Seite zwei" der beiden Gemälde "Blaue Artisten von 1914 ist dieses Motiv mit den zwei Frauen, die Aphrodite gleich aus dem Meer – bei Fehmarn – entsteigen. Foto: Franz Marc Museum

 

Eine Reise nach Kochel lohnt sich alleine schon wegen der „Blauen Artisten“, zwei Werken von 1913 auf einer Leinwand: die eine Seite zeigt zwei weibliche Akte, die Meereswogen entsteigen, die andere Seite zeigt Tennisspielerinnen vor Großstadtkulisse. Natur und Großstadt, die beiden wichtigsten Lebenswelten des Künstlers, treffen hier aufeinander. „Vielleicht“, lächelt die Direktorin, „vielleicht hat Kirchner ursprünglich aus Sparsamkeit die Leinwand beidseitig bemalt.“ Rund zehn Prozent seines malerischen Oeuvres seien so entstanden. „Ich denke, es war so, dass er sehr spontan gearbeitet hat und manchmal einfach keine Lust hatte, eine neue Leinwand einzuspannen.“

 

Bildtext (r.u.): Der Farbholzschnitt "Die Selbstmörderin" von 1921 könnte als unheilvolle Vorahnung mit dem Selbstmord Kirchners 1938 assoziert werden. Der Farbholzschnitt ist eine Leihgabe der Stiftung Etta und Otto Stangl. Foto: Franz Marc Museum

Weitere Höhepunkte der Kirchner-Schau sind u.a. die Skulptur „Bäumender Reiter“, in der Kirchner 1915 seine Zeit in der berittenen Feldartillerie verarbeitet, das großformatige Gemälde „Sertigweg“, das den Hintergrund für graphische Werke, die das Bemühen Kirchners zeigen, einen abstrakteren Stil zu entwickeln. Dieser steht im Gegensatz zur Emotionalität und Spontaneität seiner frühen Zeichenkunst.

Kirchner hat sich als Künstler immer wieder neu erfunden, innerliche Kämpfe ausgetragen, wozu vermutlich auch seine Morphinabhängigkeit beigetragen hat. Immer wieder tauchen Varianten, unterschiedliche Perspektiven, neue Sichtweisen eines Motivs auf. Im Jahr 1938 erschießt sich Ernst Ludwig Kirchner in der Nähe von Davos. Er hat die Diffamierungen der Nazis – seine Bilder wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ verhöhnt – nicht mehr ertragen.

Bildtext (l.): Unheimlich, tiefgründig und elegant wirkt "Maskenball". Diese Arbeit von 1910, Tusche auf Papier, ist eine Dauerleihgabe aus Privatbesitz. Foto: Franz Marc Museum

 

Die Ausstellung „ Ernst Ludwig Kirchner – Energie der Linie“ dauert noch bis 27. September 2015.

 

Brikada-Tipp: Fans des Expressionismus finden im Alpenvorland zwischen München, Murnau und Kochel ein wahres Dorado vor. Gleich vier Museen – in Kochel am See, Bernried, Penzberg und Murnau – widmen sich den expressionistischen Strömungen der Kunst. Die Bahn bietet günstige Tickets für Einzelreisende und Gruppen an. Neu: Während der bayrischen Schulferien gilt das Regio-Ticket Werdenfels auch wochentags bereits vor neun Uhr morgens und kann ab München für die Fahrt in die Kultur-Landschaft genutzt werden.
Doris Losch

Weitere Informationen: 
www.franz-marc-museum.de
www.museenlandschaft-expressionismus.de

Titelbild: Seite zwei der "Blauen Artisten" von 1914, diesmal vor großstädtischer Berliner Kulisse. Foto: Franz Marc Museum