GMN zeigt „Aufbruch der Jugend. Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung“

Aufbruch und Erneuerung, Zukunft und Visionen sind Schlagworte, die man bereits um 1900 mit dem Begriff „Jugend“ verband. Mehrere Tausend Anhänger der Freideutschen Jugend versammelten sich im Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel, um für mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung in der Gesellschaft zu kämpfen. Dieses wegweisende Ereignis ging als „Fest der Jugend“ in die Geschichte ein.

 

 

 

 

 

Ernst Seger: Jugend, 1897
Bronze, gegossen
159,5 x 144 x 58 cm, Berlin, Sammlung Karl H. Knauf 

 

 

 

 

 

 

Anlässlich seiner 100. Wiederkehr zeigt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg eine umfangreiche Sonderausstellung über die Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Rund 400 Exponate, darunter Gemälde, Skulpturen und Fotografien, aber auch Textilien, persönliche Erinnerungsstücke oder Film- und Hörstationen, zeichnen den ambivalenten Weg der deutschen Jugendbewegung von ihren Anfängen bis in die 1960er Jahre nach.

Jugend, als eigene Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, ist ein Begriff des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Damals begannen Jugendliche, sich als eigene Gruppe zu formieren und gegen das bürgerliche Elternhaus aufzubegehren. Starke Impulse gingen von der Lebensreformbewegung aus. Sie propagierte eine naturnahe Lebensweise mit einem Alltag auf dem Land, vegetarischer Ernährung, alkoholfreien Getränken und zwangloser Kleidung. Gemälde wie „Das Lichtgebet“ von Fidus, das einen nackten, androgyn wirkenden jungen Mann zeigt, der sich mit weit ausgebreiteten Armen der Sonne zuwendet, wurden zur Ikone dieser Bewegung.

Als Ursprung der Jugendbewegung gilt eine Gruppe Steglitzer Gymnasiasten, die seit 1896 selbst organisierte Wanderungen unternahm und sich als „Wandervogel“ bezeichnete. Das gemeinsame Reisen und Singen stärkte das Gruppengefühl, Gitarre und Flöte wurden zu populären Instrumenten. Exponate wie Rucksäcke, Wanderschuhe, die heute wieder hochmodernen Zehenkammerschuhe oder Fahrtenbücher zeugen von diesen Ausflügen. Eindrucksvoll ist außerdem eine original erhaltene Kohte, das charakteristische Fahrtenzelt vieler Bünde, in dem die Jugendlichen gemeinsam übernachteten.

 

 

 

Brauner und schwarzer Zehenkammerschuh, um 1910 Leder 9 x 10 x 28 cm (braun), 8 x 9,5 x 28 cm (schwarz) Mülheim an der Ruhr, Salzgitter AG, Konzernarchiv/Mannesmann-Archiv

 

 

 

Der Erste Weltkrieg als Zäsur 

Der Erste Weltkrieg zerstörte viele Ideale. Zunächst von Vielen als großes Abenteuer bejubelt, das gewünschte gesellschaftliche Veränderung bringen würde, machte sich nach seinem Ende Ernüchterung breit. Bünde unterschiedlicher Ausprägung entstanden, die ihren Schwerpunkt mal auf die kör-perliche Ertüchtigung, den Heimat- und Denkmalschutz, die Volkskunst oder Musik legten. Ein Fahnenmeer veranschaulicht in der Ausstellung die Vielfalt der Gruppen. So verschieden die Ausrichtung auch war, ähnelten sich die Bünde doch in ihrer Struktur: Mitglieder trugen eine einheitliche Kluft, oft gekennzeichnet durch Wimpel oder Abzeichen, verfügten über eine Fahne und organisierten gemeinschaftsstiftende Aktionen.

In einer zunehmenden Politisierung suchte die Jugendbewegung neue Wege, was sich die Nationalsozialisten zu Nutze machten. In der Ausstellung veranschaulicht die Biografie des Hitlerjungen Paul B. die fatale Nähe von jugendlicher Begeisterung und politischem Missbrauch. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die Jugendbewegung, an alte Ideale anzuknüpfen. 1964 öffnete sie sich mit dem ersten Open-Air-Festival in der Bundesrepublik auf Burg Waldeck einer neuen Zeit. Das Plattencover des Festivals von 1967 betont mit dem Foto der einem Konzert zuhörenden Gruppe Jugendlicher das gemeinschaftsstiftende Moment der Musik. Die zunehmende Politisierung und Dogmatisierung in den 1960er Jahren verdrängte jedoch diese Impulse und lies die jahrzehntelange Tradition der Liedpflege abreißen.

 

 

 

 

Laute, um 1920, Corpus: 11 Ahornspäne mit schwarz gebeizten Zwischenadern; umlaufende
Gegenkappe: Ahorn; Decke: Nadelholz; Hals: Erle (?); Einlegearbeit: Eiche, dunkel gebeiztes Laubholz; Steg: Ahorn; Gesamtlänge: 93,9 cm; Corpuslänge: 51,8 cm; Corpusbreite: 32,5 cm; schwingende Saitenlänge: 62,5 cm, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum 

 

 

 

Auch wenn die Begriffe „Jugendgruppe“ oder „Jugendbund“ heute nicht mehr populär sind, sind es ihre Themen: Die Suche nach Entspannung und Ruhe auf dem Land, Diskussionen über eine vegetarische Ernährung, das Bestreben um ein Leben im Einklang mit der Natur sind heute ungebrochen aktuell.

Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog zum Preis von 25 Euro (im Buchhandel 33 Euro) erschienen.

Weitere Informationen:
www.gnm.de

 

Bildtext (Titel):
Wandervogel-Aushängeschild, 1909 Entwurf:
Hermann Pfeiffer, Ausführung: Hans Lißner,
Blei, geschnitten, 109 x 94,5 cm
Witzenhausen, Archiv der deutschen Jugendbewegung