Karolinger Verlag: Original-Gemälde von Leonardo da Vinci wiedergefunden


Es handelt sich bei dem in Privatbesitz befindlichen Kunstwerk auf Pappelholz eindeutig um einen frühen Entwurf (Concetto) zur heute berühmten so genannten Pariser Fassung der Felsengrottenmadonna (Louvre). Die wiedergefundene kleine Tafel konnte auf das Entstehungsjahr 1478 datiert werden.

Der inzwischen verstorbene Ordinarius für Kunstgeschichte der Universität Leipzig, Professor Dr. Ernst Ullmann, und der Wiener Restaurator Ernst Lux haben mehr als zehn Jahre intensiv nach dieser Wahrheit geforscht. Lux kommentiert das bewegende Ergebnis ihrer Arbeit: "Die kleine Holztafel hat mich lange begleitet, und lange habe ich mich mit allen verfügbaren Methoden – gewissermaßen als Advocatus diaboli – bemüht zu beweisen, dass sie nicht von Leonardos Hand stammt. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so gerne eines Besseren belehren lassen."

Das Bild hat seit seiner Entstehung im 15. Jahrhundert eine bewegte Geschichte. Es ist möglicherweise von Florenz im 18. Jahrhundert an die österreichische Grafenfamilie Attems gelangt. Dort ist es nach und nach in Vergessenheit geraten. Bei seiner letzten öffentlichen Ausstellung in den 20er Jahren galt es noch als zeitgenössische Kopie eines Leonardo-Gemäldes. Es war damals als Leihgabe der Grafen Attems in der Landesbildergalerie in Graz ausgestellt. Erst seine jetzigen Besitzer haben mit Hilfe naturwissenschaftlicher und kunsthistorischer Methoden den Nachweis erbracht, dass es sich um einen echten Leonardo handelt. Die Studien liegen nun in einem Buch des Karolinger Verlags Wien vor und werden heute (18. März 2010) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Vorzeichnung unter der Malerei und Veränderungen während des Entstehungsprozesses stützen Zuschreibung
Ullmann und Lux stützen sich bei ihrer Beweisführung in erster Linie auf die durch hochauflösende Infrarot Reflektogramme deutlich gemachte Vorzeichnung unter der Malerei, die den sicheren Hinweis gibt, dass einzelne Details von Entwurfszeichnungen auf die Grundierung der Tafel übertragen wurden. Die Veränderungen im Entstehungsprozess lassen unzweifelhaft auf die Autorenschaft Leonardos schließen.

Solche Vorarbeiten seien, so Ullmann, in Florentiner Werkstätten üblich gewesen, vor allem wenn es sich, wie bei der Pariser Tafel der Felsengrottenmadonna, um ein in Format, Komposition und Gedankengehalt so reiches und zugleich kompliziertes Werk handele: "Die einer sehr durch-dachten, streng geometrischen Regeln folgende Komposition und das geistige Programm müssen in einer genauen, im Maßstab wesentlich kleineren Studie, vorbereitet worden sein, die wohl auch Voraussetzung für die Auftragserteilung war", schreibt Ullmann.

Die gründliche naturwissenschaftliche Untersuchung des Concetto und dessen enger inhaltlicher Bezug zu Florenz lassen an einer Datierung von Anfang 1478 kaum Zweifel. Der endgültige Auftrag für die eigentliche Felsengrottenmadonna wurde am 10. Januar 1478 vergeben, mit der Aufforderung, ein Altarbild für den Palazzo Veccio zu schaffen. In der Beratung zum Auftrag, die im Dezember 1477 stattfand, wurde ein "modello" erwähnt. So ist auch zu verstehen, dass es schon bald nach der Auftragserteilung eine erste Zahlung an Leonardo gab.

Die ursprüngliche Bestimmung der Felsengrottenmadonna war Florenz, die Knaben im Bild sind neu gedeutet
Dies alles ist nach Ullmanns Überzeugung nicht nur der Nachweis für die Entstehung des Concetto, sondern auch ein eindeutiges Indiz dafür, dass das berühmte Gemälde der Felsengrottenmadonna für Florenz bestimmt war, und nicht, wie bis heute immer wieder angenommen, für den Altar der Kapelle der Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis in Mailand.

Darüber hinaus ist Ullmann gelungen, die Knaben im Concetto und damit auch in der Pariser Tafel der Felsengrottenmadonna neu zu deuten. Das von der Mutter behütete und umbesorgte Kind unter Marias rechter Hand, ist Jesus. Der Knabe vor dem Engel Uriel ist Johannes. Damit habe Leonardo ein Motiv gefunden, das der großen Verehrung der Stadt Florenz für Johannes den Täufer gerecht wurde. Zugleich habe er eine Allegorie gemalt, die anschaulich machen soll, wie Johannes in Jesus den Heiland erkennt. Die weisende Geste des Erzengels unterstreicht diese Erleuchtung des Johannesknaben.
Quelle: Ernst Ullmann, Ernst Lux, Ein wiedergefundener Leonardo da Vinci. Die Urfassung der Felsengrottenmadonna, Karolinger Verlag Wien – Leipzig 2010. Originalausgabe, zweisprachig deutsch-englisch, 160 Seiten, 97 Abbildungen, 34,90 Euro, ISBN 978 3 85418 1354.

Weitere Informationen:
www.karolinger.at

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