Augsburger Puppenkiste: Auf zu Jim Knopf, Urmel und Co.!


Wer ist alles da? Natürlich das heißgeliebte Urmele, Jim Knopf und Lukas, die Wilde 13 im Komplettbesetzung, Monty Spinneratz aus dem gleichnamigen Kinofilm, Kater Mikesch, Maunzerle… eine herrliche Gesellschaft. Der frech-charmante Kasperl ist ebenfalls anwesend. Er ist der Zwillingsbruder vom anderen Kasperl, der in Augsburg seit sechs Jahrzehnten unabkömmlich ist, weil er ja in den Theatervorstellungen auftreten muss.

Anlass der Sonderschau ist der 60. Geburtstag der Augsburger Puppenkiste. Walter Oehmichen, Großvater des jetzigen Theaterleiters Klaus Marschall, bat erstmals im Februar 1948 zur Aufführung des Märchens "Der gestiefelte Kater". Das war die erste von zigtausenden Vorstellungen (Kasperl spricht von 23456765432 an der Zahl, doch Vorsicht!), in denen bis jetzt rund 6000 Marionetten aufgetreten sind, und Basis der 1200 Fernsehsendungen und des Kinofilms "Monty Spinneratz", der New Yorker Kanalratte.

Die erste TV-Produktion "Peter und der Wolf" wurde 1953 live ausgestrahlt. Ende der Fünfziger Jahre war die Technik so weit, dass die Geschichten aufgezeichnet werden konnten. Den Anfang machte die "Muminfamilie". 1961 brachen Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer zu ihrer ersten Reise nach Lummerland auf. Diese beiden Protagonisten und ihre Lok Emma verhalfen der Augsburger Puppenkiste endgültig zu bundesweiter Popularität. Generationen von Mädchen und Buben hatten in Urmel ("Aber wenn das Tindlein größer darfs spazieren gehen…"), dem Sams, der bezaubernden Katze mit Hut mit Wohnsitz in der Backpflaumenallee, den Blechsoldaten etc. treue Begleiter ihrer Kindheit. Keine Adventssonntage ohne Puppenkiste!

Einen fundamentalen Anteil am Erfolg hatte Hannelore Marschall-Oehmichen, die Tochter Walter Oehmichens und Mutter von Klaus Marschall. Unter ihren Händen entstanden all’ die wunderschönen Puppen aus Lindenholz. Noch am Tag vor ihrem Tod 2003 saß sie in der Werkstatt und schnitzte eine Figur bzw. "baute" eine Marionette, wie es in der Fachsprache heißt. "Leider wussten wir nicht genau, wie sie sich die Spezialbewegung der Figur vorgestellt hat", erzählt Klaus Marschall, "deshalb ist die Puppennummer, an der meine Mutter arbeitet, nicht umgesetzt worden, weil wir das Stück nicht kannten".

Warum macht sich die Augsburger Puppenkiste im Fernsehen – abgesehen von Schlaubär Ralphi, der in BR-alpha auftritt – heute so rar? "Ich kann und will das Schema des neuen Kinderfernsehens nicht mitgehen", sagt Klaus Marschall. Heute sehe das Programmschema der Sender mindestens 13, besser noch 26 und möglichst 52 Folgen einer Geschichte vor. Doch mit solchen "Seifenopern" hat der Puppenkünstler nichts im Sinn. "Ich will nicht der Steven Spielberg von Augsburg werden. Aber eine Weihnachtsgeschichte fürs Fernsehen, das könnte ich mir für die Zukunft vorstellen."

Doch auch außerhalb des Fernsehens gibt es mehr als genug Aufgaben für die Puppenteams. Seit 2003 ziehen "Das kleine Känguru und der Angsthase" durch Krankenhäuser und machen kleinen Patienten neuen Mut. Seit 2006 engagieren sich die "Kistenkobolde" bundesweit in einem Programm zur Vorbeugung gegen Sucht und Gewalt.

Bis es mit dem Fernsehen wieder klappt, müssen die Fans in die Vorstellungen des Augsburger Theaters kommen und das Augsburger Puppentheatermuseum besuchen. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Jubiläumsausstellung "260 Jahre Augsburger Puppenkiste" bis zum 8. März 2009 verlängert. Gezeigt werden mehr als 400 Marionetten und jede Menge Originalrequisiten. Parallel dazu tourt die Wanderausstellung durch Bayern und Sachsen. Nächste Stationen nach München sind Passau und Plauen.
Doris Losch

Die Sonderausstellung zum 60. Geburtstag der Augsburger Puppenkiste präsentiert sich vom 1. bis 13. September 2008 im Münchner Einkaufszentrum PEP.

Weitere Informationen:
www.diekiste.net
www.puppenkiste.com

Bild: Der Kasperl von der Augsburger Puppenkiste. Foto (Detail): Doris Losch

(Die Links wurden am 29.08.2008 getestet.)