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Jacks Thomas, Direktorin der Londoner Buchmesse: „Technologie ist für die Verlagsindustrie von enormer Bedeutung“

Die internationale Verlagsbranche steht vor großen Herausforderungen. Das wurde einmal mehr auf der diesjährigen Londoner Buchmesse (London Book Fair) im März dieses Jahres deutlich. Jacks Thomas, Direktorin der London Book Fair, sprach im Interview über Lösungsansätze. Das Gespräch geben wir in gekürzter Fassung wider.

In den vergangenen Jahren fand die London Book Fair im April statt. Dieses Jahr wurde sie in den März verschoben, wodurch es zu Terminüberschneidungen mit anderen internationalen Buchmessen wie dem „Salon du Livre“ in Paris oder der Leipziger Buchmesse kam. Planen Sie, den März-Termin für die LBF 2018 und die darauffolgenden Jahre beizubehalten? 


Jacks Thomas: Nächstes Jahr wird die Messe wie gewohnt wieder im April stattfinden, und zwar vom 10. bis zum 12. April 2018. Einen passenden Termin zu finden, gestaltet sich immer sehr schwierig, da man die verschiedensten Faktoren miteinbeziehen muss. So sollte man beispielsweise keinen Termin wählen, der mit Schulferien, religiösen Feiertagen oder anderen Events am Veranstaltungsort zusammenfällt. Wir richten uns aber vor allem auch nach den Wünschen unserer Kunden, was auch zur diesjährigen Terminverschiebung führte.

Die London Book Fair ist der Mittelpunkt für den Rechte- und Lizenzhandel in Sachen Print, Audio, TV und digitale Medien.

Welche aktuellen Trends und Entwicklungen sehen Sie in der Branche? 

Jacks Thomas: Das internationale Rechtezentrum der London Book Fair ist eines der größten seiner Art und es ist davon auszugehen, dass 2017 für die Lizenzspezialisten auf der Messe erneut ein arbeitsintensives Jahr werden wird. Ein deutlicher Trend, den wir schon länger beobachten und von dem ich annehme, dass er sich auch 2017, vor allem im Vereinigten Königreich fortsetzen wird, ist ein Wachstum an Literaturübersetzungen. Kürzlich veröffentlichte Untersuchungen haben gezeigt, dass Übersetzungen mittlerweile fünf Prozent des jährlichen Belletristik-Verkaufs ausmachen und Übersetzungen sich besser verkaufen als der durchschnittliche englischsprachige Titel. Dieser Bereich bietet enormes Potential für den internationalen Verkauf von Lizenzen und Rechten. Hörbücher sind auch sehr innovativ und populär. Einen weiteren Schwerpunkt sehen wir in Multiformaten, ob sie Wissen oder Fiktion vermitteln, eines ist sicher „Content is King“!

Die Shortlist für die „International Excellence Awards” wurde vor einigen Wochen veröffentlicht. Was ist das Besondere dieser Auszeichnungen und wie unterschieden sie sich von anderen internationalen Preisen des Verlagswesens? 

Jacks Thomas: Die „International Excellence Awards” der London Book Fair werden zusammen mit der Publishers Association verliehen und würdigen die Leistungen derer, die das geschriebene Wort in die ganze Welt transportieren. In diesem Jahr haben wir die „International Excellence Awards“ um zwei Kategorien erweitert: die für die besten internationalen Lizenzexperten und für die Förderung der Inklusion in der Verlagsbranche.

Wie bereits erwähnt ist Polen der Marktfokus der diesjährigen London Book Fair. Welchen Einfluss erhofft sich die London Book Fair auf den polnischen Buchmarkt

Jacks Thomas: Polen ist eine Nation mit einem großen kulturellen und literarischen Erbe. Mehr als 800.000 polnische Staatsbürger leben heutzutage im Vereinigten Königreich. Die polnische Verlagsbranche verdient größere Anerkennung weltweit. Ich glaube, der größte Export- und Übersetzungsmarkt für polnische Literatur ist tatsächlich Deutschland. Die London Book Fair ist das Tor zum englischsprachigen Markt und wir hoffen, dazu beitragen zu können, die Verbreitung polnischer Literatur zu fördern.

Das politische Leben ist derzeit von internationalen Spannungen geprägt. Glauben Sie, dass das Bücher zu einer besseren Qualität der bestehenden Demokratien beitragen können?

Jacks Thomas: Bücher sind Fenster in eine andere, reale oder fiktive Welt. Bücher bieten die Möglichkeit, sich in andere Menschen hinein zu versetzen und deren Perspektiven und Kulturen zu verstehen. Wie der berühmte Autor Ian McEwan es so schön ausdrückt: “Sich vorzustellen, wie es ist, jemand anderes zu sein, ist das Herzstück unserer Menschlichkeit. Es ist die Essenz des Mitgefühls und der Anfang der Moral.” Bücher aus anderen Ländern zu lesen, ermöglicht es uns, Differenzen und Parallelen von innen heraus zu erleben, was in unserer heutigen komplexen Welt sicherlich von Vorteil ist. Das Verlagswesen spielt aufgrund dessen eine wichtige Rolle hinsichtlich der Qualität von Demokratien und darüber hinaus.

Viele Deutsche sind nach wie vor über die Langzeitfolgen des Brexit besorgt. Denken Sie der mögliche EU-Ausstieg Großbritanniens wird sich auf die Effizienz der Verlagsindustrie auswirken oder dauerhafte Veränderungen in der Buchbranche mit sich bringen? 

Jacks Thomas: Es ist zu früh, sich über den Brexit zu äußern und es gibt viele Experten, die dafür geeigneter sind als ich. Was eine Buchmesse allerdings leisten kann ist, ein Diskussionsforum für den Demokratien und auch darüber hinaus. Austausch von Ideen und Perspektiven zur Verfügung zu stellen. Die Publishers Association hat beispielsweise eine Podiumsdiskussion zu den Chancen und Herausforderungen des Brexit organisiert, in der die verschiedenen Zukunftsaussichten reflektieren werden.

Was sind ihrer Meinung nach in der Zukunft die größten Chancen und Herausforderungen für die Verlagsindustrie? 

Jacks Thomas: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich das Verlagswesen gut an wirtschaftliche Herausforderungen anpassen kann. Die gegenwärtige Verlagsindustrie scheint davon nicht ausgenommen zu sein, da sie sich sowohl an die wirtschaftlichen als auch an die technologischen Gegebenheiten anpasst. Innovation entsteht oft aus gegenseitiger Inspiration. Aus persönlichen Beziehungen können sich so Geschäftsmöglichkeiten entwickeln und es gibt kein besseres Forum für die Förderung solcher Beziehungen als Branchenforen wie die London Book Fair.

Technologie ist für die Verlagsindustrie von enormer Bedeutung und hat die Art und Weise, wie wir Geschäfte betreiben revolutioniert. Vom Rechte-Erwerb bis zur Honorarauszahlung an die AutorInnen, von Metadaten bis zur App-Erstellung, vom Verkauf bis zum Lesen, gibt es eigentlich keinen Sektor der Verlagsindustrie, der nicht stark von den technologischen Fortschritten beeinflusst wurde.

In Bezug auf Technologie wandeln sich die Erwartungen der Verbraucher sehr schnell. Unsere Lesegewohnheiten haben sich verändert. Um den modernen Leser überzeugen zu können, mussten Verleger dafür versorgen, dass ihre Titel in allen Formaten – als gebundene Ausgaben, Taschenbücher, E-books, Hörbücher, Apps etc. – zugänglich und mit allen Geräten kompatibel sind. StudentInnen greifen fast ausschließlich online auf ihr Lernmaterial zu. Der akademische Sektor im Allgemeinen benutzt die moderne Technologie für innovative Zwecke und Lernvorgänge werden so zu interaktiveren und spannenderen Erfahrungen. Ich bin überzeugt, dass die moderne Technologie Chancen und Möglichkeiten bietet, sie ersetzt jedoch nicht das gedruckte Buch.

Unsere “Building Inclusivity in Publishing” Konferenz zeigt, wie die Verlagsindustrie versucht, die vielfältigen, bisher unterrepräsentierte Stimmen besser zu reflektieren. Es ist äußerst wichtig, dass wir als Industrie mit allen Aspekten der Verlagsbranche interagieren, um Gleichberechtigung sicherzustellen – angefangen bei den Autoren bis hin zu den Lesern. Das Verlagswesen hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich intensiv mit seinem Publikum zu beschäftigen und sich zu fragen, was man durch positive Beispiele und persönliche Erfahrungen verbessern kann. Das ist eine Herausforderung aber zugleich auch eine große Chance.
(Quelle: BUCH CONTACT)


Weitere Informationen:
www.londonbookfair.co.uk


Titelbild: Jacks Thomas Direktorin  

2017-05-24