Zarte Hände in rauer Erde – Frauen und Archäologie

 

 

 

 

 

Einer der jüngsten Beispiele dürfte etwa die Grabung der Stadt Andernach und Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz Direktion Landesarchäologie sein. Bei dieser Grabung, die im Rahmen bauvorbereitender Untersuchungen zur Errichtung eines Parkhauses durchgeführt wird, trat ein kleiner Teil des römischen vicus (lateinisch: Siedlung) von Andernach zu Tage. Sensationelle Befunde aus der Zeit zwischen 1. bis 4. Jahrhundert nach Christus. mit hoher Bedeutung, um etwa Fragen zur antiken Handelsgeschichte der Stadt Andernach zu beantworten. Übrigens, nach Ende der Besiedlung fand keine Überbauung des Geländes statt. Vielmehr wurde das Areal als Gartenanlage bis in die Neuzeit hinein genutzt.

Die (noch anhaltende) Grabung leitet Stefanie Baumgarten, von Mariola Hepa in dieser Funktion unterstützt. Kennengelernt haben sich die beiden Doktorandinnen auf einer Grabung im vergangenen Jahr, dabei arbeiteten sie seinerzeit erfolgreich im Team, zumal beide die Funktion der technischen Grabungsleitung und Verantwortung haben.

Brikada hatte die Gelegenheit, die beiden Akademikerinnen nicht nur über das Grabungsprojekt Antunnacum (so lautet der lateinische Name der Stadt Andernach) zu interviewen, sondern auch über ihre Berufswahl und beruflichen Zukunftspläne zu sprechen.

 

Bildunterschrift (v.l.): Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa. Foto: © GDKE/Tim Hufnagl 

Was hat Sie bewegt, sich beruflich der Archäologie zu zuwenden?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Es ist vor allem das Interesse an Geschichte und Rekonstruktionsideen dazu. Zudem ist man neugierig die eigene Geschichte zu ergründen.

Welches sind die Schwerpunkte Ihres Berufsfeldes? 

Stefanie Baumgarten: Die Durchführung von Notgrabungen, römische Militärlager und Siedlungsarchäologie. Meine Doktorarbeit behandelt zwei römische Gräberfelder.

Mariola Hepa hat sich ebenfalls für die Durchführung von Notgrabungen spezialisiert, jedoch mit griechisch-römischer Keramik, Siedlungsarchäologie und römische Badewesen – dies sind Themenschwerpunkte, die sie in den Fokus ihrer Doktorarbeit setzt.

Archäologie haftet noch immer so das Vorurteil von „Buddeln in der Erde, Scherbensuchen und warum eigentlich überhaupt …?“ an. Ist das wirklich so?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Ja klar, wir graben in der Erde und versuchen mit den materiellen Hinterlassenschaften den Teil der Geschichte zu rekonstruieren, den die historische Überlieferung nicht behandelt. Ob man das jetzt als Buddeln bezeichnet oder aber als Ausgraben mit Kelle und Bagger, ist da nicht relevant. Neben dem Graben bildet aber 50 Prozent der Arbeit auch die wissenschaftliche Dokumentation und wissenschaftliche Bearbeitung der Grabungsergebnisse.

'Worin besteht für Sie der Reiz der Archäologie?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Neue Fragestellungen zum Ablauf der Geschichte beantworten und historische Lücken schließen. Antworten zur Funktion bestimmter wirtschaftlicher, sozialer und baulicher Vorgänge suchen.

Ist Archäologie (immer noch) eine männerdominierte Fachrichtung? Gibt es dort echte Karrierechancen für Frauen?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Archäologie ist keine männerdominierte Fachrichtung. Immer mehr Frauen besetzen Stellen als Museums- oder Grabungsleiterin, Chancen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an Archäologischen Forschungsinstituten sind ebenfalls geboten. Wichtig ist hier auch, dass der Beruf sich unter Berücksichtigung einer sorgfältigen Planung mit Familiengründung vereinbaren lässt.

Wie man als Archäologin an eine Grabung wie sie in Andernach nun durchgeführt wird, herangeht, wollten wir wissen. Nun, mit sorgfältiger Tagesplanung und Struktur sowie Flexibilität, um je nach archäologischem Zustand entscheiden zu können, lautet die Antwort unisono. Dabei gilt es auch, den Grabungsablauf zu koordinieren, Entscheidungen bei der Befunddokumentation zu treffen, teilweise die Öffentlichkeitsarbeit zu gestalten sowie Absprache mit dem wissenschaftlichen Leiter über die weitere Grabungsplanung zu tätigen.

Der Ablauf eines ganz normalen Ausgrabungsalltags ist eher unspektakulär. Die derzeit acht bis zehn Mitarbeiter müssen über ihre Tagesaufgaben informiert werden. Gleichwohl sind Entscheidungen über das weitere Vorgehen der Arbeiten zu fällen. Nicht zuletzt dreht sich alles um die Dokumentation wie Fotodokumentation, Vermessen und Zeichnen der Befunde. Die Funde selbst müssen am Ende des Tages archiviert werden. Auch nimmt die Öffentlichkeitsarbeit einen immer wichtigeren Anteil an der Arbeit ein . So werden zum Beispiel Führungen angeboten, um Anwohnern oder Interessierten das Vorgehen und die Befunde zu erläutern. Angesichts dieser täglich penibel zu erledigenden Grabungen, kommt zusätzlich Druck von außen auf die beide Archäologinnen zu; denn es gilt, den Zeitplan – Mitte Dezember müssen die Grabungsarbeiten abgeschlossen sein – einzuhalten, um das geplante Bauvorhaben nicht zu verhindern. Zudem gilt es, in der verbleibenden kurzen Zeit das Wichtigste an Archäologie zu dokumentieren und bei allem behutsam zu arbeiten, um die antike Substanz zu schützen und nicht zu zerstören.

Bildunterschrift (o.): Die massiven Grundmauern der gefundenen Häuser. Foto: © GDKE/Tim Hufnagl
 

Welches sind beim Projekt Antunnacum die wertvollsten Fundstücke?

„Jeder einzelne Fund und Befund (Grube, Mauer oder Brunnen) liefert uns wichtige Informationen und ist daher wichtig“, erklären Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa. „Für die Wissenschaft sind alle Funde „'wertvoll'. Wir betrachten die Funde als Quelle zur Rekonstruktion der Antike, eine Unterscheidung in wertvoll oder nicht wertvoll wird nicht getroffen. Die meisten Funde müssen restauriert werden, da die Lage im Boden nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen ist.“

Wie bewerten Sie die wissenschaftliche Ausbeute?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Bislang werden durch die Befunde und Funde viele wichtige wissenschaftliche Fragen gut beantwortet.

Es soll ja sich ja um einen Fund mit „jedem erdenklichen Luxus der damaligen Zeit“ handeln …

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Zwar fanden wir hier vielfältige Wandmalereien als Gestaltung der römischen Häuser, auch ist aufwendige Tuffsteinarchitektur vorhanden. Doch dass hier „jeder erdenkliche Luxus“ vorhanden war, das können wir nicht bestätigen.

Kann man anhand der Funde Rückschlüsse z.B. auf den Alltag der Menschen oder gar auf die Stellung der Frau in der damaligen Zeit ziehen?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Zahlreiche Gebrauchskeramik wie Kochtöpfe oder Trinkbecher liefern Aufschlüsse über den häuslichen Alltag der Menschen, kosmetische und chirurgische Werkzeuge wie Ohrlöffelchen oder Pinzetten, zeigen die sorgfältige Körperpflege und wahrscheinlich das Wirken von Medizinern in der Siedlung. Öfen und Tongruben geben Hinweise auf Töpferei. Schmuck sowie eine hohe Anzahl an Haarnadeln aus Bein weisen auf eine Präsenz von Frauen in der Siedlung und in dem Badegebäude hin. Die Stellung der Frau ist aus den antiken Schriften ersichtlich. Die Archäologie liefert da allerdings kaum Hinweise.

Wo werden die Sensationsfunde zukünftig gelagert bzw. für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Ein Teil der Funde wird im Museum Andernach ausgestellt werden. Die restlichen Funde werden im Depot der Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz untergebracht.

Bildunterschrift (v.l.): Archäologie – für Frauen ein faszinierender, spannender Beruf – abzulesen an den freudigen Gesichtern der beiden Archäologinnen und Doktorandinnen Stefanie Baumgarten (l.) und Mariola Hepa (r.).
Foto: © GDKE/Tim Hufnagl

Was macht den Fund so bedeutungsvoll? Bzw. welchen Stellenwert hat der Fund für die Fachwelt und welchen für die Menschen in der Region?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Da gibt es mehrere Aspekte: So etwa neue Antworten über die Ausdehnung und Größe der römischen Siedlung sowie Antworten zum Erhaltungszustand der Befunde. Gleichwohl können Lücken zur frühen Geschichte der Stadt Andernach geschlossen und Fragen zur antiken Handelsgeschichte der Stadt Andernach beantwortet werden. Wichtig ist vor allem auch, die durch die Grabungsergebnisse gegebene Identifikationsmöglichkeit mit der eigenen Geschichte!

Wenn es sich um außergewöhnliche Befunde handelt – warum verschließt man nach Grabungsende die Anlage, anstatt sie zu restaurieren und der Öffentlichkeit zu zeigen

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Die römischen Reste werden durch das Parkhaus überdeckt, aber nicht zerstört. Dadurch werden sie hervorragend konserviert und zukünftige Generationen von Archäologen können dann mit neuesten Methoden (die wir heute noch nicht kennen) weiterforschen. Eine Präsentation in der Öffentlichkeit würde zwangsläufig mit weiteren Ausgrabungen einhergehen und man könnte den Befund nicht so gut sichern, wie das nun mit dem Überbauen durch ein Parkhaus möglich ist.

Wie bewertet die Fachwelt Ihre Ausgrabungen und die Bedeutung der Fundstücke?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Das ist unklar, da die Auswertung noch erfolgen wird. Erste Besuche und Statements von renommierten Fachkollegen aus Frankreich und der Schweiz haben gezeigt, dass die Grabung, aber auch die ersten Ergebnisse für die provinzialrömische Archäologie, von großer Wichtigkeit sind.

Welchen Stellenwert nehmen die Grabungen im Hinblick auf Ihren persönlichen Berufsweg ein?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Wir betrachten das unter dem Gesichtspunkt: neue Erfahrungen sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln, ein gutes Team aufstellen, um für weitere mögliche Projekte auf gute Mitarbeiter zurückzukommen. Zudem ist es für uns eine Herausforderung, in kurzer Zeit eine Grabung sorgfältig und strukturiert abzuschließen.

Ihre beruflichen Zukunftspläne?

Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa: Da wünschen und erhoffen wir uns so einiges: Teilnahme an neuen spannenden Grabungsprojekten und an wissenschaftlichen Neuheiten.
(Die Interviewfragen stellte Brigitte Karch M.A.)

 

Bildunterschrift (l.): Stefanie Baumgarten. Foto: © GDKE/Tim Hufnagl 

Curiculum Vitae (auszugsweise):

Stefanie Baumgarten (Jahrgang 1982). Die in Düren geborene Archäologin hat ihren Magister Artium an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn erlangt. Sie schreibt derzeit an ihrer Dissertation an der Universität zu Köln: Die römischen Gräberfelder von Zons und Monheim bei Prof. Dr. Fischer.

Von 2004 bis 2014 arbeitete sie mit kleinen Unterbrechungen für den Landschaftsverband Rheinland, zuletzt im Archäologischen Park Xanten. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind neben der Durchführungen von Notgrabungen (wenn z.B. bei Bauvorhaben unerwartet archäologische Befunde vorliegen), das römische Militärlager von Bonn, die Siedlungsarchäologie, Öffentlichkeitsarbeit und die Vermittlung vom archäologischen Wissen an Praktikanten und Studenten.

Die Stadt Andernach und die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz – Direktion Landesarchäologie haben Frau Baumgarten im Januar 2016 für die römische Siedlung von Andernach mit der Aufgabe der Grabungsleitung betraut. Sie wird diese bis zur Realisierung des Bauprojekts ausüben. Darüber hinaus wird sie die Aufarbeitung des Grabungsprojekts über die Jahre 2016/2017 hinaus durchführen.

Frau Baumgarten verfasste bisher zahlreiche Publikationen, u.a. auch Aufsätze zu verschiedenen wichtigen und interessanten provinzialrömischen Themen wie: „Römische Gläser mit Bodenmarken im Rheinischen Landesmuseum Bonn“ in: Corpus des Signatures et Marques sur verres antiques, Volume 3, Seite 149-154, Aix-en-Provence-Lyon, 2011

„Neu entdeckte Thermen im Legionslager Bonn“ in: Archäologie im Rheinland 2012, Seite 136-137, Darmstadt, 2013,

„Auf den Spuren der 8. Kohorte“ im Legionslager Bonn, in: Archäologie im Rheinland 2014, Seite 101-104, Darmstadt, 2015.

Kontakt: Stefanie Baumgarten: stefanie.baumgarten@gmail.com

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Bildunterschrift: Mariola Hepa. Foto: © GDKE/Tim Hufnagl 

Curiculum Vitae (auszugsweise):
Mariola Hepa (Jahrgang 1979). Die aus Ruda Oberschlesien stammende Archäologin ist seit
2012 Doktorandin an der Universität zu Köln. Themenschwerpunkt: Archäologie der Römischen Provinzen: Die Thermen von Gelduba (Krefeld – Gellep) bei Prof. Dr. Salvatore Ortisi

Im Juni 2011 erlangte sie den Magistra Artium im Hauptfach Archäologie an der Universität zu Köln. Thema: Ein griechisch-römischer Siedlungsbefund in Assuan/Ägypten, Areal 13b. Stratigraphie und Kleinfunde bei Prof. Dr. Thomas Fischer

Keramikbearbeitung (griechisch-römisch) und Grabungstätigkeiten in Assuan, Ägypten, am Schweizerischen Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde, Kairo, zählen zu wichtigen Stationen im Rahmen ihres wissenschaftlichen Werdegangs.

Seit 2016 ist Frau Hepa durch die Stadt Andernach und Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland – Pfalz Direktion Landesarchäologie mit der Grabungsleitung der römischen Siedlung von Andernach beauftragt. Ein Jahr zuvor arbeitete sie bei Thomas Ibeling an der Grabung Grevenbroich mit.

Mariola Hepa veröffentlichte etliche Publikationen, zuletzt im Jahr 2016 Selected pottery assemblages and the date of the Animal Necropolis in Area 2 (Birket Damas), in: Report on the 16th Season of the joint Swiss-Egyptian Mission in Syene/Old Aswan (2015/2016), 27-32.
Kontakt: mariolahepa@googlemail.com

 

„vorZEITEN – Archäologische Schätze an Rhein und Mosel“

Schätze spielen in der Kulturgeschichte der Menschen seit Jahrtausenden eine ganz besondere Rolle. Wertvolle und auch überraschende archäologische Entdeckungen, die lange Zeit versteckt, vergraben und versunken waren, wurden zu kostbaren Schätzen, auch weil sich Sagen und Legenden um sie bildeten (oder „ranken“).

Der Bewahrung dieser einzigartigen Schätze für Öffentlichkeit und Wissenschaft widmet sich die Landesarchäologie Rheinland-Pfalz, denn kaum eine Region in Mitteleuropa kann so viele spektakuläre Funde aufweisen wie das heutige Rheinland-Pfalz. Mehr als 400 Millionen Jahre Erd-, Natur- und Kulturgeschichte haben beeindruckende Spuren hinterlassen und haben herausragende Kulturstätten erschaffen, die heute dank ihrer „Rettung“ viele Besucher in ihren Bann ziehen.

Der Reichtum an archäologischen Schätzen macht Rheinland-Pfalz so einzigartig. Die hier gefundenen und geretteten Artefakte aus vielen Tausend Jahren wie „fliegende Mäuse“, „tanzende Frauen“, „der  älteste Rheinland-Pfälzer“, „eine Sonnenbarke“, „ein Steinzeitmassaker“, „der Fürst von Worms“ und „trierisches Tafelsilber“ wurden weltberühmt.

Unter dem Titel „vorZEITEN – Archäologische Schätze an Rhein und Mosel“ feiert  Rheinland-Pfalz mit einer außergewöhnlichen Sonderausstellung 2017 in Mainz seinen 70. Geburtstag und das 70. jährige Bestehen seiner renommierten Landesarchäologie.

 

Weitere Informationen: 
www.landesmuseum-mainz.de/ausstellungen/ausstellungsvorschau/vorzeiten/
www.gdke-rlp.de
www.andernach.de

Titelbild (v.l.): Stefanie Baumgarten und Mariola Hepa; Bildhintergrund: die massiven Grundmauern der gefundenen Häuser. Fotos: © GDKE/Tim Hufnagl