Anzeige: MZH
Zurück drucken
Artikelbild: Ohta Masako SKAL.jpg

Masako Ohta und das Instrument der Phantasie

Die in Tokio geborene Pianistin Masako Ohta sieht im Klavier mit seinen unendlichen klanglichen Möglichkeiten ein Instrument der Phantasie, in dem sich gerade Frauen wiederfinden könnten.

 

„Die Komponistenwelt war immer männerorientiert“, stellt Masako Ohta fest. Auch berühmte Künstlerinnen wie Alma Mahler, Fanny Mendelssohn, Clara Schumann hätten im Grunde nie den Ruhm und die Anerkennung gefunden, die sie verdienen.

Glücklicherweise bessere sich die Situation zusehends. „Leider werden immer noch mehr Werke von Männern als von Frauen aufgeführt.“ Umso wichtiger seien Konzerte wie „Clara und Moderne“, das im Februar im Münchner Gasteig und in der Klavierwerkstatt Kontrapunkt aufgeführt wird. Internationale Künstlerinnen wie Masako Ohta, Anna Kalandarishvili (Violine) aus Georgien, Bridget Mac Rae (Cello) aus Kanada spielen Werke von Gloria Coates, Helena Tulve, Jocelyn Morlock und Clara Schumann. „Wir möchten die Komponistinnenwelt besser darstellen.“

Clara Schumann ist eine von Masako Ohtas Lieblingskomponistinnen. Als junges Mädchen war die Japanerin in Robert Schumann verliebt. „In meiner Teenagerzeit habe ich mich ihm auf allen Ebenen nahe gefühlt, in seinen Stücken und seiner romantischen Art, seinem Leiden.“ Schicksalhaft war in diesem Zusammenhang ihre Begegnung mit einem ungarischen Professor, der jährlich einen Meisterkurs an der Universität gab. „György Sebök war ein großer Künstler, Pianist und Kammermusiker. Er hat ein neues Tor in meinem Leben geöffnet. Seine Stärke war, niemanden in eine bestimmte Methode zu zwingen, er ging individuell auf jeden Schüler ein.“

György Sebök hatte eine Gastprofessur an der – damals West-Berliner – Universität der Schönen Künste. Auf seine Anregung hin reiste die 24jährige Masako Ohta Mitte der Achtziger Jahre, nachdem sie zwei Jahre als Klavierlehrerin in Tokio gearbeitet hatte, nach Deutschland: „In Berlin kannst Du für das Leben lernen“ – Diese Worte György Seböks sollten sich bewahrheiten.

Während ihres Studiums lernte sie einen deutsch-norwegischen Cellisten kennen. Als er ein Engagement bei den Münchner Philharmonikern mit dem damaligen Stardirigenten Sergiu Celibidache annahm, folgte sie ihm 1988 in die bayerische Landeshauptstadt. Sie heirateten, Masako bekam eine Tochter, widmete sich in erster Linie – und sehr gerne – ihrer Familie, spielte aber weiter im Kammermusikbereich. Nun kam es, dass sich ihr Mann in eine japanische Geigerin verliebte. „Bald darauf hat meine Solokarriere begonnen.“ Bald bewunderten ihre „technische Brillanz“ am Klavier, ob bei klassischen oder zeitgenössischen Werken.

Sie begeisterte sich für die musikalische Avantgarde. „Moderne Musik hat mich schon immer interessiert. Ich habe diese Neigung in meinem ‚bürgerlichen Leben‘ nur nicht so ausgelebt.“ Nach der Trennung von ihrem Mann, hat sie mit ihrer damals 13jährigen Tochter eine Art Frauen-WG gegründet, „Wir haben zusammen Songs der Beatles gesungen“, schwärmt sie noch heute. Inzwischen ist ihre Tochter May 26 Jahre alt und hat zwei Kinder. „Oma zu sein ist wunderschön!“

Haben Frauen ein anderes Musikgefühl als Männer? „Musik ist für mich eine Art der Kommunikation ohne Worte, eine Möglichkeit, Zeit und Raum gemeinsam zu erleben. Hier spielen viele feinstoffliche Dinge zusammen. Und das Klavier ist für mich eines der wunderbarsten Instrumente, ein Instrument der Phantasie.“ Das Klavier als Saiteninstrument klinge mit den Saiten des Körpers im Einklang. Die klanglichen Möglichkeiten des Pianos seien unendlich.

Immer wieder kommt Masako Ohta auf Clara Schumann zu sprechen. „Ich spiele ihre Stücke sehr gerne“. Eines der Projekte 2016 sind CD-Aufnahmen mit Stücken von Clara Schumann, Johann Sebastian Bach und von zeitgenössischen Komponistinnen. Der Arbeitstitel lautet „Poesiealbum“. Avantgarde und Clara Schumann seien überhaupt nicht widersprüchlich, „Clara Schumann war zu ihrer Zeit musikalisch sehr avantgardistisch.“

Für 2016 stehen weiter u.a. auf dem Programm: eine szenische Intervention und Installation zu Georg Büchners Lenz „Lenz.Leben – Laut.Malen“ im Schauspielhaus Zürich, die Veranstaltung „Text und Töne“ mit Augusta Laar (Gedichte) und Masako Ohta (Klangperformance) zum 90. Geburtstag der Gedok (Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenverein aller Kunstgattungen) in München, „Zwei Persönlichkeiten – eine Seele? Fréderic Chopin und Georges Sand“ in Bayerischzell, „Spielen mit Zeit“, ein Kinderkonzert von mini.musik München und dem Nürnberger Papiertheater bei den Musikfestspielen Dresden. Auf diese Veranstaltung freut sie sich besonders: „Kinder haben ja haben keine Vorurteile gegenüber moderner Musik. Sie gehen spielerisch mit Klängen und Tönen um.“

Für den Herbst ist u.a. eine musikalische Hommage an den vor kurzem verstorbenen Pierre Boulez vorgesehen.

Anregungen für ihre Kunst findet Masako Ohta auch auf Reisen. Im vergangenen Jahr hat sie z.B. gemeinsam mit dem Bayerisch-Japanischen Dreigesang mit Ruth Geiersberger (Performance und Martina Noppelstetter (Mezzosopran) eine Tournee und Forschungsreise nach Japan unternommen. Japanische Tradition fließt durchaus in ihre Kunst ein: So laute ein Klavierabend 2015 „Haiku sucht … die Musik“. Einmal jährlich reist Masako Ohta in ihre Heimat. „Ich entdecke immer wieder Neues in Japan, das ich in meine Kunst einbringen kann.“ Das bezieht sich auch auf den Klang der Sprache. Die Pianistin liebt die deutsche Sprache. „Als ich herkam, war ich von Deutsch begeistert. Es hörte sich für mich wie Vogelgezwitscher an, so viel ts und tztz, ich liebe Deutsch.“ Eng sei die Verknüpfung von Sprache und Musik, überall in der Welt, eines inspiriere das andere und mache die Menschen reich.
Das Interview führte Doris Losch

Weitere Informationen: 
www.masako-ohta.de
 

Titelbild: Masako Ohta

 

 

2016-01-24