Ilona Orthwein: „Gründerinnen und Gründungsförderung müssen neue Wege beschreiten.“

Alarmierend dagegen die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Claudia Gather, Direktorin des Harriet-Taylor-Mill-Instituts / HWR Berlin: 41 % der in Vollzeit solo-selbständigen Frauen und 23 % der weiblichen Arbeitgeberinnen verdienen monatlich weniger als 1.100 Euro netto.

Vom 18.-24.11.2013 fand die Gründerwoche Deutschland statt. Eine Partnerin war 2013 zu wiederholten Male Unternehmerinnen.org, das Projekt für selbständige Frauen, welches die Berliner Sozialwissenschaftlerin und Unternehmensberaterin Ilona Orthwein seit 2005 erfolgreich leitet. In einem Interview zum Abschluss der Gründerwoche analysiert Ilona Orthwein kritisch die Situation von Gründerinnen und die Rolle der Gründungsförderung.

Frau Orthwein, unstrittig gibt es einen anhaltenden Trend von Frauen in die Selbständigkeit, obschon die Verdienstmöglichkeiten offenbar für viele nicht gut sind. Wie erklären Sie sich das?
Wer gründen will, sieht viele Knackpunkte im Vorfeld nicht. Selbständigkeit und Unternehmertum umgibt noch immer ein Nimbus des Reichtums, des Kapitalistischen. Da denkt niemand primär an wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die schlechte Einkommenssituation von vielen, gerade weiblichen Selbständigen ist sogar ein Tabuthema. Insofern müssen wir alle Frau Prof. Dr. Gather für ihre Forschungsarbeiten sehr dankbar sein. Damit wird ein längst überfälliger gesellschaftlicher Diskurs angestoßen.

Warum machen sich Frauen selbständig? Leider ist so, dass die frauentypischen Berufs- und Lebenswege nicht selten in Situationen führen, in der Selbständigkeit eine – manchmal aber auch die einzige – Alternative zu Beschäftigungslosigkeit oder einem unbefriedigenden Anstellungsverhältnis ist. Weibliche Karrieren enden oft, sobald Frauen sich für Beruf und (!) Familie entscheiden, während Männer mit gleicher oder gar geringerer Qualifikation ungeachtet ihrer familiären Situation weiter aufsteigen. Frauen leisten nach wie vor den Hauptteil der Familienarbeit, und in der Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit sehen viele eine Chance, durch mehr Flexibilität und Selbstbestimmung Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. Dafür werden auch Einkommenseinbußen in Kauf genommen.
Der Wunsch nach persönlicher Selbstverwirklichung spielt für die Zunahme der Selbständigkeit, gerade bei Frauen, auch eine erhebliche Rolle. Nicht selten befördert das Ende eines Arbeitsverhältnisses oder eine als unerträgliche empfundene berufliche Situation eine entsprechende Neuorientierung. Wer vor solchen Hintergrund gründet, denkt in der Regel nicht primär ans Geld, sondern sucht vor allem Selbstbestimmung, Anerkennung und Sinnhaftigkeit.

Wie beurteilen Sie die Zahlen, welche Frau Prof. Dr. Gather ermittelt hat?
Die Forschungsergebnisse von Frau Prof. Dr. Gather spiegeln eine Realität wieder, die mir in meiner beruflichen Praxis immer wieder begegnet. Wer in der Selbständigkeit dauerhaft zu wenig erwirtschaftet, gerät leicht in Krisensituationen. Private Rücklagen werden aufgebraucht, fällige Zahlungen nicht erledigt, Schulden entstehen. Zuweilen geraten die Betroffenen so in einen Sog, an dessen Ende manchmal die Insolvenz und Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung stehen. Zudem werden aus den Geringverdienern von heute die Altersarmen von morgen: ein riesiges Problem, angesichts des demografischen Wandels, das bislang von politischer Seite leider noch kaum beachtet wird.

Wie erklären Sie sich, dass selbständige Frauen im Schnitt 37 % weniger verdienen als Männer – und das in denselben Branchen? Können Frauen einfach schlechter kalkulieren und wirtschaften?
Nachweislich können Frauen sogar besser mit Geld umgehen und wirtschaften umsichtiger als Männer. Aber Frauen gründen anders. Aufgrund der typisch weiblichen Berufswege haben sie seltener Führungserfahrung als männliche Gründer, ihnen fehlen oft tiefergehende Branchenkenntnisse, und sie verfügen seltener über gewachsene berufliche Netzwerke. Letztgenannte sind sehr wichtig. Hier fließen Gründern Informationen zu, hilfreiche Kontakte werden vermittelt und auch der eine oder andere Auftrag. Wem ein solches Netz fehlt, tut sich einfach schwerer.

Männer wie Frauen gründen bevorzugt in Branchen, zu denen sie einen engen persönlichen Bezug haben. Bei Frauen sind es begreiflicher Weise die angestammten Frauendomänen im Dienstleistungsbereich, die leider oft nur geringes Marktpotenzial bieten. Besonders beliebt sind bei weiblichen Gründerinnen beratende oder helfende Berufe: Beraterin, Trainerin, Coach und Therapeutin stehen ganz oben auf Beliebtheitsliste. Sich hier erfolgreich zu etablieren und zu behaupten, bedeutet einen dauerhaft hohen Marketing- und PR-Aufwand. Das kostet Zeit und Geld und wird meistens völlig unterschätzt. Gesehen wird vor allen der überschaubare Kapitaleinsatz bei Gründung, durch den nur eine geringe oder gar keine Anfangsverschuldung entsteht. Finanzielle Engpässe und Schulden schleichen sich jedoch gerne durch die „Hintertür“ ein, wenn die Einnahmen hinter den Erwartungen zurückbleiben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ursachen für spätere wirtschaftliche Probleme – bei männlichen ebenso wie bei weiblichen Selbständigen – in mangelhaften Geschäftskonzepten schon angelegt sind. Männer tendieren allerdings, vermutlich aufgrund von beruflichen Vorerfahrungen und sozialer Prägung zu größer angelegten und wirtschaftlich ergiebigeren geschäftlichen Vorhaben als Frauen.

Wenn Gründerinnen wirtschaftlich erfolgreich sein wollen, sollten sie unbedingt ihre Geschäftskonzepte unter Wirtschaftlichkeitsaspekten kritisch betrachten. Oft sind es nur kleine Stellschrauben, die gedreht werden müssen, damit aus einer guten Geschäftsidee ein belastbares Unternehmenskonzept wird. Offenheit für konstruktive Kritik und die Bereitschaft zu Veränderungen sind allerdings wichtige Voraussetzungen. Wer sich schon im Gründungsprozess schwer tut, eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster zu verlassen, wird sich umso schwerer tun, im wirtschaftlichen Auf und Ab immer wieder neue passende unternehmerische Lösungen zu finden.

Welche Rolle kommt der Gründungsförderung zu? Sollten wir diesem Bereich größere Aufmerksamkeit widmen?
Wenn weibliche Selbständigkeit künftig besser gelingen soll, müssen Gründerinnen und Gründungsförderung neue Wege beschreiten. In der herkömmlichen Gründungsförderung wird eher in betriebswirtschaftliche und andere Schulungsmaßnahmen investiert als in die Arbeit an belastbaren, zukunftsträchtigen Geschäftskonzepten. Man fokussiert sich auf den Ausgleich von Defiziten statt auf das Erkennen von Fördern von vorhandenen Potenzialen und Chancen. Auf Frauen bezogen wirkt sich solch defizitär orientierte Gründungsförderung besonders fatal aus: jahrhundertelang ohnehin als das „schwache“ Geschlecht abgestempelt, finden sich Gründerinnen ausgerechnet dort als „Bedürftige“ wieder, wo sie als mutige Gestalterinnen der Zukunft gebraucht würden.

Die weitaus meisten selbständigen Frauen und Gründerinnen, die ich durch meine Arbeit kennenlernen durfte – und das waren deutschlandweit in den letzten zehn Jahren mehrere Hundert –, zeichneten sich durch ein hohes Maß an Bildung, Ausbildungen, vielfältiges Wissen und Erfahrungen, sowie die Bereitschaft, Neues zu wagen aus – die Frauen haben also Potenziale in Hülle und Fülle.

Was fehlt, ist die Unterstützung bei der Umwandlung dieser Kompetenzen in zukunftsfähige wirtschaftliche Konzepte. Als sehr hilfreich erachte ich hierbei Prof. Dr. Günter Faltins „Entrepreurship“-Ansatz. Die Vorgehensweise, die er vorschlägt und die seit den 1980er Jahren vielfach erfolgreich erprobt wurde, kommt weiblichem Gründungsverhalten sehr entgegen: eine Beschränkung auf das Wesentliche, Aufbau eines Geschäfts ohne großen Kapitalbedarf unter Zuhilfenahme verschiedener flexibler Komponenten. So würden die Bedürfnisse von Gründerinnen nach Risikominimierung und Überschaubarkeit optimal erfüllt. Würde man nach diesem Prinzip „Inkubatoren“ für zur gezielten Förderung eines „Female Entrepreneurship“ einrichten, wäre vermutlich viel gewonnen.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, kann es sich unser Land jedenfalls gar nicht länger leisten, auf die vielfältigen Kompetenzen von Frauen zu verzichten und weibliche Selbständige ins Prekariat abgleiten zu lassen. – Frauenförderung ist Wirtschaftsförderung!
(Abdruck des Interviews mit freundlicher Genehmigung von Unternehmerinnen.org)

Über Ilona Orthwein
Ilona Orthwein ist ausgebildete Kauffrau, grad. Sozialwissenschaftlerin (M.A. FU Berlin) und Betriebswirtin (ITW). 2003 gründete sie die „Orthwein Unternehmens- und Organisationsberatung“, die sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungs- und Marketingkonzepten, sowie Fragen der Organisationsentwicklung beschäftigt. Beraten werden Gründer/innen, mittelständische Unternehmen, sowie Unternehmer/Innen in Krisensituationen. Das von ihr ins Leben gerufene Internetprojekt „Unternehmerinnen.org – Unternehmerinnen von heute präsentieren sich“ wurde 2012 mit dem Innovationspreis-IT der „Initiative Mittelstand“ in der Kategorie „Web 2.0 und Social Media“ ausgezeichnet. Unternehmerinnen.org ist Kooperationspartnerin des WoMenPowerKongresses/Hannover Messe und des Messekongresses Women&Work /Bonn. Ilona Orthwein schreibt und referiert aktuell zu Themen wie „Marketing 2.0“, „Crowdfunding und andere alternative Finanzierungsformen“ oder „ Zukunftstrend Sharing Economy“.

Weitere Informationen:
www.orthwein-beratung.de
www.Unternehmerinnen.org
www.unternehmerinnen-blog.net
twitter.com/u_org
www.facebook.com/Unternehmerinnen.org

 

Titelbild: Ilona Orthwein ist ausgebildete Kauffrau, grad. Sozialwissenschaftlerin (M.A. FU Berlin) und Betriebswirtin (ITW). 2003 gründete sie die „Orthwein Unternehmens- und Organisationsberatung“.