„eine STARKE FRAUENgeschichte“: Spionagethriller Reformationsfürstin Elisabeths von Rochlitz

Lesesonntag: Ihre wiederentdeckte Korrespondenz erzählt die Geschichte einer mutigen Frau und ermöglicht einen neuen Blick auf die Hintergründe des Schmalkaldischen Krieges, wie die aktuelle Sonderausstellung „eine STARKE FRAUENgeschichte“ auf Schloss Rochlitz zeigt.

Wäre das Leben Elisabeths von Rochlitz ein James Bond Film, würde ihr die Rolle von „M“ zufallen. Während der Schmalkaldischen Kriege im 16. Jahrhundert baute die Fürstin auf Schloss Rochlitz einen zentralen militärischen Nachrichtendienst auf, der den Kriterien unserer modernen Geheimdienste entsprach und ihre protestantischen Verbündeten wirkungsvoll unterstützte. Am selben Ort widmet sich heute die Sonderausstellung „eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation“ dem Lebensweg dieser bemerkenswerten Reformationsfürstin sowie anderer mutiger Frauen aus dieser Zeit.

Rund 2.000 Briefe aus der Korrespondenz von Elisabeth von Rochlitz sind bis heute erhalten. Darunter auch sechzehn verschlüsselte Briefe, die die Fürstin und ihre historische Bedeutung in einem neuen Licht erscheinen lassen. Als überzeugte Protestantin trat die Herzogin von Rochlitz bereits 1538 dem Schmalkaldischen Bund bei, entgegen der Weisung ihres Schwiegervaters Herzog Georg von Sachsen. Mit Ausbruch des Krieges wenige Jahre später begann Elisabeth umgehend mit dem Aufbau eines zentralen Nachrichtendienstes auf Schloss Rochlitz. Hier sammelte und sortierte sie wichtige Informationen, die sie an ihren Bruder Landgraf Philipp von Hessen sowie ihren Cousin den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich I. weiterleitete.

Bildtext: Schloss Rochlitz. Foto: Schlösserland Sachsen

Elisabeth kam ihrer Aufgabe sehr gewissenhaft nach, prüfte ab drei Uhr morgens eingehende Briefe und schrieb eigenhändig mehrmals pro Woche. Mit dem offiziellen Frontenwechsel ihres ehemaligen Ziehsohns Herzog Moritz von Sachsen im weiteren Verlauf des Krieges geriet Elisabeth zunehmend in Sorge um ihre eigene Sicherheit. Daraufhin entwickelte sie im Januar 1547 eine eigene Geheimschrift, in der sie fortan mit ihrem Bruder und Cousin kommunizierte. Wie damals üblich enthielt die Schrift für jeden Buchstabe ein bestimmtes Symbol, wie zum Beispiel astronomische Zeichen. Zur Entschlüsselung benötigte der Empfänger die passende Nomenklatur. In den chiffrierten Briefen informierte Elisabeth von Rochlitz ihre Verbündeten weiterhin zuverlässig über Bewaffnungen, Truppenstärke, Aufenthaltsorte, Nachschubwege sowie die Stimmungslage des gegnerischen Heeres. Ihre Informationen bezog sie direkt von Zeugen und Spionen.

Bildtext (r.): Schloss Rochlitz – Schlosskapelle. Foto: Schlösserland Sachsen

 

Mit dem Sieg über den Kurfürsten Johann Friedrich bei Mühlberg im April 1547 endete der Schmalkaldischen Krieg und Herzog Moritz begann unverzüglich mit der Zerschlagung der Herrschaft Elisabeths von Rochlitz. Neben ihrer Korrespondenz ist auch dies ein wichtiger Anhaltspunkt für die hohe politische Bedeutung der Fürstin, die in der Geschichtsschreibung lange Zeit, auch aufgrund ihres Geschlechts, eine untergeordnete Rolle spielte. Die Wiederentdeckung und schrittweise Aufarbeitung der rund 2.000 erhaltenen Briefe von Elisabeth ermöglicht nun einen neuen Blick auf die Reformationsgeschichte aus Sicht einer Frau.

 

Bildtext (u.): Schloss Rochlitz – Schlossküche. Foto: Schlösserland Sachsen

 

Die aktuelle Sonderausstellung „eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation“ auf Schloss Rochlitz veranschaulicht das Leben und Wirken der Reformationsfürstin Elisabeth von Rochlitz und anderer mutiger Frauen aus dieser Zeit. Die Ausstellung möchte dabei das gängige Bild von der Reformation als einem vor allem männlichen Ereignis aufbrechen und Fehlstellen in der deutschen Erinnerungskultur korrigieren.

Neben Katharina von Bora und der Reformationsfürstin Elisabeth von Calenberg-Göttingen werden auch völlig unbekannte Streiterinnen der Reformation wie Ursula Weyda, Wibrandis Rosenblatt oder Katharina Zell vorgestellt. Mit über dreihundert herausragenden Exponaten von nationalen und internationalen Leihgebern, verteilt auf circa eintausend Quadratmetern, dokumentiert die Ausstellung erstmals in dieser Form weibliche Lebenswege und Lebenswelten des 16. Jahrhunderts.

Weitere Informationen:
www.schloss-rochlitz.de
www.schloesserland-sachsen.de

Titelbild (v.l.): „eine STARKE FRAUENgeschichte“ – Schauspielerin Anya Fischer als Elisabeth von Rochlitz. Foto Kathleen Biermann. Unbekannter Meister, Herzogin Elisabeth von Sachsen, Öl auf Leinwand, um 1577, Schloss Wilhelmsburg, Schmalkalden