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Mit Pythagoras durch Norwegen - Paralympics-Star Verena Bentele radelt mit Kopfrechnen (mit NACHBERICHT))

Die Summe der Quadrate über den Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks ist gleich dem Hypothenusenquadrat – für manch Schüler auch heute noch eine Geometie-Horroraufgabe. Doch für Paralympics-Star Verena Bentele eine passable Konzentrationsaufgabe, um beim Radsport durchzuhalten.

Am 28. Juni, ab 9 Uhr heißt es für Verena Bentele wieder Kopfrechnen … nein, im Ernst: Zu diesem Zeitpunkt steigt sie in die Pedale und nimmt zum zweiten Mal an Europas längsten Radmarathon von Trondheim nach Oslo (540 Kilometer) teil.

Verena Bentele, die blinde, zwölffache Paralympics-Siegerin im Biathlon und Langlauf, wird erneut von ihrem guten Freund, dem Ingenieur Alex Heim, begleitet. Mit ihm hat sie schon 2011 auf dem Renntandem die Alpen überquert – mit einem Arm in Gips. Ihre Durchhalte-Strategie für Norwegen: „Viel reden und Kopfrechnen. Das hat sich bewährt.“ Als Glücksbringer nimmt sie ein kleines Glücksschwein mit: „Das sitzt sonst auf meinem Schreibtisch und fährt am Wochenende im Rucksack mit.“


Bildtext (r.): Verena Bentele und Alex Heim auf dem Renntandem. Foto:© Verena Bentele

Rund 3.400 Höhenmeter müssen beim Styrkeprøven (norwegisch: „große Kraftprobe“) bewältigt werden. Circa 9.000 Radsportler nehmen an dem Rennen teil. Gut 2.500 werden die gesamte Strecke absolvieren, die übrigen fahren Teilstrecken.



Nach ihrer Kilimandscharo-Besteigung hat Verena Bentele 2013 auch „Trondheim-Oslo“ bestritten – in knapp 23 Stunden, ohne Schlaf und mit Motivation bis zum letzten Meter. Am Wochenende möchte Verena Bentele in jedem Fall schneller sein als im Vorjahr. Das ist ihr Ziel. „Durch meine neue berufliche Aufgabe habe ich in diesem Jahr erheblich weniger trainiert als noch vor einem Jahr. Meine körperliche Fitness könnte etwas besser sein, vor allem was die langen Einheiten betrifft. Jetzt soll es der Kopf richten. Mental geht es mir sehr gut. Ich habe richtig Lust auf das

Rennen und freue mich darauf, meinen inneren Schweinehund wieder zu überwinden. Ich freue mich auch auf die tolle Stimmung, die anderen Teilnehmer, die Sommernacht und die motivierten Helfer auf der Strecke und an den Verpflegungsstationen.“



Bildtext (l.): Verena Bentele berichtet in ihrem Buch: „Kontrolle ist gut Vertrauen ist besser“ über ihre Erfahrungen als Paralympics-Sportlerin. © Copyright Kailash Verlag

 

Dieses Mal plant Verena Bentele, vor allem in den Pausen Zeit zu sparen – „hier können wir noch viel rausholen“.

Dass Verena Bentele zu ihrem erwünschten Erfolg radelt, das wünschen wir von Brikada. In Gedanken begleiten wir sie mit Phytagoras „Die Summe der Quadrate …“ - so wird’s denn auch diesmal wieder klappen!

 

 

29. Juni 2014: Um kurz vor halb neun hat Verena Bentele es geschafft, ist nach 540 km auf dem Renntandem in Oslo angekommen (in 22:23 Std.).

Hier ein Statement von ihr:
„WARUM mache ich das, warum tue ich mir das an? Diese Fragen habe ich mir während des Radmarathons immer wieder gestellt – vor allem, weil irgendwann wirklich alles weh tut. Das Knie, der Nacken, die Hände… Sitzen ist ab einem gewissen Punkt auch unangenehm… Aber ganz ehrlich:

Im Ziel angekommen, sind alle Anstrengungen und Schmerzen EGAL. Denn: Alex und ich haben unser Ergebnis vom Vorjahr getoppt (2014: 22:23 Std., 2013: 22:54 Std.) und erleben gerade eine wahnsinnige Adrenalinausschüttung, so viele GLÜCKSGEFÜHLE, so viel BESTÄTIGUNG für unsere Anstrengungen – so etwas gibt es einfach nur beim SPORT.

Wir sind so glücklich und super stolz, diese unglaubliche Strecke von 540 km zum zweiten Mal bewältigt zu haben. Und das trotz der wirklich geringen Vorbereitung, ohne Schlaf, ohne große Pausen. Da hat einfach unser extrem starker WILLE dem Körper gezeigt, wohin es gehen soll. Diese Bestätigung – das Gefühl, dieses große Ziel erreicht zu haben – gibt mir viel RÜCKENWIND für neue Projekte.

Die Frage nach dem „Warum“ stellte ich mir speziell am Anfang des Rennens immer wieder, denn auf den ersten gut 360 km hatten wir extremen Gegenwind. Das war schon eine besondere Herausforderung (geregnet hat es zum Glück nicht, nur getröpfelt; darüber waren wir sehr froh, denn 2013 sind wir rund 19 Stunden bei strömendem Regen gefahren). Letzlich sind wir aber Sportler – da passiert das meiste im Kopf. Wir haben uns gut beschäftigt, haben viel geredet, auch mit vielen netten Teilnehmern, haben uns mit Kopfrechnen abgelenkt und uns immer wieder neue Teilziele gesetzt…

Gerade genießen wir noch unser Frühstück. Nach den vielen Energieriegeln unterwegs wünschte ich mir etwas Salziges (Rührei), eine Käsesemmel und einen gescheiten Kaffee. Gleich geht es dann ins Hotelbett – schlafen (wir haben nette Leute aus dem Schwarzwald kennengelernt, die uns netterweise unser Gepäck ins Hotel gefahren haben, so mussten wir es nicht schleppen. Danke!!). So langsam kommt nämlich trotz der vielen Glücksgefühle eine extreme Müdigkeit und Erschöpfung auf. Am Nachmittag werden wir dann unser Tandem auseinander bauen und im Koffer verstauen. Morgen Früh geht es zurück nach Berlin, zum Arbeiten.

Alex, Ich danke Dir von Herzen für Deinen Wahnsinnsbeitrag. Du bist so sicher und konzentriert gefahren. Ich konnte mich in jeder Situation voll auf Dich verlassen, Dir zu 100 Prozent vertrauen. (Tandemfahren ist bei solchen Rennen eine besondere Herausforderung. Auch dieses Mal gab es viele Stürze. Zum Glück sind wir wohlbehalten ins Ziel gekommen). Danke!“

Weitere Informationen:
www.verena-bentele.com

Titelbild: Verena Bentele beim Rollentraining auf dem Balkon oder dem Wohnzimmer ihrer Berliner Wohnung. Foto:© privat

 

2014-06-27