Diogenes Verlag: Ingrid Noll zum 75. Geburtstag


Seit fast zwei Jahrzehnten zieht die studierte Germanistin und Kunstgeschichtlerin ihre Fangemeinde gleichsam magisch in ihren Bann. Immer wieder lässt sie uns teilhaben an ihren skurrilen Mordsgeschichten. Vergnüglich und originell, listig und hintersinnig – Ingrid Noll schildert ihre Romanfiguren mit Augenzwinkern und viel Menschenkenntnis. Sie würzt das Ganze mit bitterbösen Gedanken, zeigt das (Nicht-) Funktionieren von Familien. Ihre Geschichten ranken sich um mordende Frauen und Männer. Oftmals haben Frauen das Sagen, auch wenn sie sich nur scheinbar im Hintergrund bewegen – oder gerade deshalb!

Wir wünschen Ingrid Noll, dass sie ihre Anhängerschaft noch viele Jahre so unnachahmlich zu unterhalten versteht. Das dürfte der begnadeten Schriftstellerin möglicherweise nicht einmal schwer fallen. Immerhin wurde ihre Mutter 106 Jahre!

Zu ihrem runden Geburtstag widmete der Diogenes Verlag, Zürich, seiner Autorin die Titelgeschichte "Ich werde mich bemühen, wenigstens schlappe hundert zu werden". (Erscheint im Diogenes Magazins am 14. September 2010 und ist im Buchhandel erhältlich). Dort berichtet sie über ihre erst mit 54 Jahren begonnene Karriere als Schriftstellerin und über ihre eigene Familie.

Mit freundlicher Erlaubnis des Diogenes Verlags veröffentlichen wir das Interview in Auszügen.

Was haben Sie sich beim Beruf des Schriftstellers ganz anders vorgestellt?
Nie hätte ich gedacht, dass Autoren einem Wanderzirkus angehören und tingeln gehen wie Straßenmusikanten. In den Gästebüchern vieler Hotels entdeckt man mit schöner Regelmäßigkeit die Geistesblitze der Kollegen. Ebenso hätte ich nicht so viel Büro- und Pressearbeit erwartet.

Sie haben bis heute unglaublich viele Lesungen in Buchhandlungen und Bibliotheken gemacht, warum? Welches waren die schönsten, welches die anstrengendsten Lesungen?
Schreiben ist ein einsames Geschäft, der Kontakt mit meinen Lesern ist mir daher wichtig. Schön ist es immer, wenn das Publikum an den richtigen Stellen lacht oder überrascht reagiert.
Anstrengend wird es, wenn in der ersten Reihe ein schläfriger Zuhörer sitzt, den man selbst mit der Peitsche nicht aufwecken kann. Allerdings gibt es Menschen, die von Geburt an eine missmutige Physiognomie haben, sich aber trotzdem amüsieren.

Welche Leserrückmeldung hat Sie besonders gefreut, welche besonders irritiert?
Es freut mich, wenn Leser behaupten, dass ihnen meine erfundenen Protagonisten leibhaftig über den Weg gelaufen sind. Ein altes Tantchen kränkte mich mit den Worten: "Pfui, wie kannst du nur so etwas Abscheuliches schreiben!"

Wie viele Ideen zu weiteren Romanen haben Sie noch?
Im Vorratsschrank liegt noch ein voller Sack. Es geht mir ja um menschliche Verhaltensformen, und da gibt es unendlich viele Variationen und Möglichkeiten.
Quelle: Diogenes Magazin, erschienen am 14. September 2010; Autor: kam

Weitere Informationen:
www.diogenes.ch

Bildunterschrift: Ingrid Noll. Foto: Copyright © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

(Der Link wurde am 14.09.2010 getestet.)