Ramya Hutschenreiter: Die Sehnsucht nach Sri Lanka bleibt


Obwohl sehr glücklich verheiratet, bleibt das Heimweh nach Sri Lanka und die Sehnsucht nach ihren Eltern und Geschwistern.

Erstmals trafen wir sie in Eddie’s Werkstatt, dem Geschäft ihres Mannes, Edward Hutschenreiter, der in Bad Wörishofen einen Schlüsseldienst mit angeschlossener Schuhreparatur führt. Dort nimmt Ramya Hutschenreiter Kundenaufträge entgegen, findet für jeden Kunden ein nettes Wort und steckt alle mit ihrem herzlichen Lachen an. Rasch kommen wir ins Gespräch und vereinbaren einen Treff bei Kaffee und Kuchen. Gesagt, getan. Und dann berichtet die 45-jährige Singhulesin über ihr Leben, das bislang an sich nicht eben spektakulär, für sie jedoch mit gravierenden Lebenseinschnitten verlief.

Ramyalatha (bedeutet: schöner blühender Strauch) wurde im Jahr 1961 als Tochter eines Mechanikers und einer Hausfrau in Colombo (Hauptstadt von Sri Lanka), geboren. Sie wuchs im Dorf Negombo, unweit von Colombo, im Kreise von sechs Schwestern und einem Bruder auf, und wurde – wie ihre Geschwister – im buddhistischen Glauben erzogen. Nach der Mittleren Reife arbeitete Ramya (die Abkürzung ihres Vornamens) in einer bekannten Batik-Firma, wo sie zusammen mit weiteren Kolleginnen edle Batikarbeiten an internationales Publikum verkaufte. Per Zufall geriet Edward Hutschenreiter, Leiter einer privaten Reisegruppe, in den Showroom der Firma und traf dort im November 1992 auf die junge Frau. „Es war Liebe auf den ersten Blick – allerdings nicht meinerseits, sondern von Eddie,“ erinnert sich Ramya, lacht und ergänzt verschmitzt schmunzelnd: „Das kam bei mir erst später!“

Es folgten vier lange Jahre, in denen Ramya von Eddie immer und immer wieder umworben wurde. Per Telefon hielt er den Kontakt zu ihr über die Kontinente hinweg aufrecht. Bei seinen jährlichen Reisen nach Sri Lanka überraschte er sie mit wunderschönen Blumengebinden. Doch stets lehnte Ramya seine liebevollen Anträge ab. Zu groß war ihre Ungewissheit vor einer Zukunft in Deutschland. „Ich lebe nur einmal“, erzählt Ramya, „und ich überlegte, ob ich wirklich mein Leben in der Fremde verbringen möchte. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen, mit meinen Geschwistern, um Rat von ihnen zu holen, denn ich weiß, dass ich eine gute Familie habe.“
Auch waren die Ängste und Bedenken des Vaters und der Mutter groß; denn wie alle wohlmeinenden Eltern, erhoffen sie das Beste für die Tochter und wollen soviel wie möglich dazu beitragen, die eigene Tochter in eine verlässliche, möglichst sichere Zukunft aus dem Hause zu entlassen.

Doch dann funkte es auch bei Ramya, und sie war bereit, ihrem Eddie in das ferne Deutschland zu folgen. Dieser hatte Fotos von seiner ansprechenden Wohnung mitgebracht, so dass dann auch ihre Eltern ihr „Ja“-Wort zu der Verbindung gaben. „Ich weiß es wie heute, meine Eltern hatten den genauen Tag und Stunde mit Hilfe eines Horoskops ausgewählt, so dass wir am 2. März 1996 nach buddhistischer Hochzeitszeremonie heirateten“, erinnert sich Ramya und blättert stolz das außergewöhnliche Hochzeits-Fotoalbum auf. Die professionelle Fotografie (Originalton Ramya: „Das Album hat echt viel gekostet!“) mit Weichzeichner, dezenter Farbgebung und gelungener Motivauswahl, vermittelt dem Betrachter einen Einblick in ungewohnte buddhistische Hochzeitsbräuche. Ramya wirkt mit ihrem weißen Sari, in bauschigem Faltenwurf um ihre Figur drapiert, ausgesprochen märchenhaft. Das dunkle Haar ist aufgesteckt und romantisch mit Röschen umkränzt. Ihr zur Seite steht der zukünftige Ehemann Eddie, der ebenfalls festlich und standesgemäß einen schwarzen Anzug und ein weißes, gestärktes Hemd trägt. Gleichwohl festlich sind die Eltern, Geschwister sowie Nichten und Neffen gekleidet. Augenblicke wie etwa das feierliche Überreichen von Geschenken oder das von einem buddhistischen Mönch vorgenommene Hochzeitsritual bleiben Ramya unvergesslich in Erinnerung.
Als dann Ramya zusammen mit ihrem Ehemann wenige Tage später auf dem Frankfurter Flughafen landete, empfing sie Schnee, den sie zuvor nur vom Hörensagen und von Bildern kannte. Auch die Kälte und raue Luft machten ihr zu schaffen. Ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können, war sie zunächst ganz auf sich gestellt. „Damals waren es schwere Zeiten für mich; denn so im Hauruck-Verfahren nach Deutschland zu gehen, war für mich nicht einfach“, betont Ramya. Doch alle trugen mit dazu bei, dass sie sich an ihre neue Heimat in Bad Wörishofen eingewöhnen konnte. Ihr Mann verschönte die gemeinsame Wohnung mit Fotos aus ihrer Heimat. Die Schwiegereltern nahmen sie auf wie ihre eigene Tochter und verwöhnten sie mit Schokolade, Blumen und warmer Kleidung. Die Nachbarn zeigten sich behilflich, wenn sie Fragen hatte. Anfangs verständigte sich Ramya mit Englisch, doch dann nahm sie Deutschunterricht in der Volkshochschule in Mindelheim, und heutzutage kann sie sich ausgezeichnet in Deutsch verständigen. „Ich wohne gerne in Bad Wörishofen“, resümiert Ramya, „alle Menschen sind sehr nett zu mir, viele sind auch sehr lustig.“

Aber nicht nur Deutsch musste sie lernen, sondern auch die fremden Essgewohnheiten ihres Mannes. Während sie Reis, Gemüse, Geflügel und Fisch favorisiert, zieht ihr Mann Kartoffeln, Nudeln und Fleisch vor. Mittlerweile kocht sie aber nicht mehr getrennte Küchen, sondern eine Mischung aus deutsch-asiatischer Küche, wobei sie liebend gerne Reis- und Gemüsegerichte zubereitet und mit dem scharfen Curry aus ihrer Heimat würzt.

Was sie an Deutschland liebt? – wollten wir wissen. „Die große Sicherheit im Gesundheitsbereich, die allgemeine Sauberkeit, das wirklich schöne Bad Wörishofen und die echt netten Menschen“, antwortet Ramya aufrichtig. Was sie nicht so schön findet? „Das graue und kalte Wetter“, erwidert sie. „Aber vor allem vermisse ich meine Heimat und meine Familie, oftmals beobachte ich, dass der Familienzusammenhalt in Deutschland nicht so ausgeprägt ist, wie bei uns.“

Bei aller hier entgegengebrachten Herzlichkeit: Die Sehnsucht nach ihrer Familie bleibt. Auch ist für ihre Eltern die weite Flugreise zu beschwerlich. Etwa alle zwei Jahre stillt Ramya ihr Heimweh und fliegt nach Hause, um in Sri Lanka fast vier Wochen lang im Kreis ihrer Großfamilie heimatliche Atmosphäre aufzutanken.

Nach dem lange, sehr persönlich gehaltenem Gespräch, erhebt sich Ramya, legt die Handflächen vor der Brust zusammen und verabschiedet sich mit dem Wort: „Aubowan“ (gesprochen: ajubowan), was auf Deutsch so viel wie „Auf Wiedersehen“ bedeutet.