Hanns Seidel Stiftung: Henny Seidemann schildert in „Frauenbilder“ ihr bewegtes Leben (Nachbericht)


Langsam füllt sich der große Saal im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung in München. Als eine hoch gewachsene Dame, schwarz gekleidet, mit lichtem Haar und festem Schritt den Raum betritt, spürt jeder, der sie bisher noch nicht kannte: das ist die Rednerin des Abends “ Henny Seidemann, Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit München-Augsburg-Regensburg e.V., die mit ihrer toleranten, auf Versöhnung gerichteten Gesinnung "Christen und Juden müssen zusammenfinden", die Menschen wachrüttelt.

Nach obligatem akademischen Viertel “ inzwischen sind über 200 Zuhörerinnen und Zuhörer eingetroffen “ eröffnet Dr. Bok-Suk Ziegler, Referentin für Familien- und Frauenpolitik, Forum der älteren Generation, Kultur und Brauchtum, Bildungswerk der Hanns-Seidel-Stiftung, die Premiere der Veranstaltungsreihe: "Frauenbilder “ eine Zeitzeugin berichtet". Prof. Ursula Männle, MdL, Staatsministerin a.D. und Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, lässt das Publikum wissen: "Wir wollen erfahren, wie sich ein Lebensweg entwickelt, wie man nach vielen Jahren im Exil und schicksalhaften Wege, sich entscheidet, nach Deutschland zurückzukehren und sich in den Dienst der Versöhnung stellt. Mit Henny Seidemann steht eine Frau vor uns, die die schwierigste Zeit der deutschen Geschichte gemeistert hat."

Schlagartig wie eine Aussätzige behandelt
"Was ist das Leben, wenn man keine Freunde hat?" so lautet die rhetorische Eingangsfrage von Frau Seidemann. "Ich habe dieses Problem nicht, ich habe zwar keine Familie, aber Freunde!" Mit dieser Feststellung beginnt die heute 82-jährige Dame ihre bewegte Vita zu schildern. 1922 in Berlin als Tochter einer alteingesessenen deutsch-jüdischen, liberalen Familie geboren “ der Vater war Arzt und Kaufmann – besuchte sie ab 1928 die Volksschule, "wo ich ein Kind unter Vielen war und ab mittags zum Rabbiner ging." Es folgten vier weitere Jahre auf einem Mädchen-Lyzeum, aber ab 1. April 1933 galt Henny Seidemann schlagartig nicht mehr als "normale" Schülerin. "Meine Mitschülerinnen behandelten mich wie eine Aussätzige, als wenn ich über Nacht eine ansteckende Krankheit hätte", erinnert sich die Rednerin und ergänzt: "Auch einige Lehrer schickten mich aus dem Unterricht." Für das damals 11-jährige Mädchen, ("Ich war natürlich nicht blond, sondern hatte eine kräftige Nase und “ im Gegensatz zu heute – üppig wachsende schwarze Haare", erinnert sich Henny Seidemann freimütig) war das alles unbegreiflich, es verbitterte zunehmend. "Ich war nicht mehr sehr fleißig und fühlte mich nur herumgestoßen." Im Sommer 1935 beschloss Familie Seidemann zum Bruder des Vaters nach Spanien aus zuwandern. "Das Problem des deutschen Judentums war, dass die Juden die Gesamtsituation, in der sie sich befanden, nicht begreifen konnten, oder sie wollten sie nicht verstehen. Auch für unsere Familie waren die Zustände beklemmend, immerhin waren wir seit 1780 in Berlin ansässig und mein Großvater hatte am 1. Weltkrieg teilgenommen", schildert Frau Seidemann und lockert ihre schweren Erinnerungen hin und wieder mit kleinen erfreulicheren Begebenheiten humorvoll auf. "Während der stürmischen Schifffahrt mit haushohen Wellen wäre ich beinahe mit dem Liegestuhl, an den ich mich geklammert hatte, über Bord gefallen. Doch der Clou bestand darin, dass zwei Matrosen hinter mir her waren und mich festhielten. Ich verfügte also bereits mit 13 Jahren über Bodygards", schmunzelt Henny Seidemann und fügt aufmunternd hinzu: "Ich erzähle das hier so, weil ich nicht will, dass Sie alle hier so furchtbar traurig aussehen, aber mein Leben war eben nicht so lustig."

Schicksalhafte Odyssee
Henny Seidemann bekam als Erste der Familie in Spanien Arbeit, zumal sie die schwer zu erlernende Sprache Katalan rasch beherrschte. Von den 10 Peseten Wochenlohn, den sie für ihre Arbeit in einer Knopffabrik erhielt, konnte die Familie drei Tage lang leben. An Schulbesuch war gar nicht zu denken, weil die spanischen Schulen sehr teuer waren. Als am 18. Juli 1936 der spanische Bürgerkrieg ausbrach, gab es viele Schießereien auf den Straßen, man war stundenlang unterwegs, um Brot “ wenn überhaupt “ zu bekommen. Einige Zeit später mussten alte Leute und Kinder nach Deutschland zurückkehren. Auch die erst 14-jährige Henny Seidemann wurde auf Weisung des Konsulates im Jahr 1936 allein nach Deutschland zurückgeschickt. Noch am Münchner Bahnhof verhaftete man das verängstigte Mädchen wegen Spionageverdachts. Die Gestapo verhörte sie immer und immer wieder. Als man ihr nichts nachweisen konnte, brachte man sie in das Antonienheim für jüdische Kinder. "Ich wurde dort sehr liebevoll aufgenommen und konnte ein einigermaßen vernünftiges Leben führen", erzählt Frau Seidemann. "Ich habe damals viel gearbeitet und bin nicht wieder in die Schule gegangen – eigentlich ein Wunder, dass aus mir noch etwas wurde! Ich erlernte Hauswirtschaft, also Waschen, Bügeln, Nähen, um somit im Ausland etwa Geld verdienen zu können."

Schließlich gelangt Henny Seidemann nach zahlreichen vergeblichen Versuchen über die Schweiz im Jahr 1938 zu ihren Eltern nach Barcelona wieder zurückzukehren. Dort ließ sie sich als Krankenschwester ausbilden, während die Mutter einen Secondhand-Laden betrieb. Der Vater kam als Lagerarzt nach Auschwitz und wurde dort umgebracht. Als die Mutter erkrankt, kehren beide im Jahr 1958 nach München zurück. "Ich wäre nicht zurück nach Deutschland gegangen", betont Henny Seidemann, "aber es war der Wunsch meiner Mutter." Schon bald gründen beide zusammen mit anderen Frauen den jüdischen Verein "Ruth" mit dem Ziel, alte und kranke Menschen zu betreuen. "Ich bin dann mit 60 Jahren in Pension gegangen, das war alles etwas viel für mich" so die Rednerin, die lange Zeit in München eine große Modeabteilung leitete und zugleich die Krankenpflege ihrer Mutter bis zu deren Tode übernommen hatte. Es folgten lange Jahre, in denen Henny Seidemann als Vorsitzende die Geschicke der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit München-
Augsburg-Regensburg e.V. leitete und vor 12 Jahren zur Ehrenvorsitzenden ernannt wurde.

Mit den Worten: "Heute Abend sitze ich hier bei Ihnen – vielen Dank, dass Sie mir so lieb zugehört haben!" beendete Henny Seidemann den ungeschminkten Rückblick auf ihr Leben. Viel Beifall gab’s für ihre immer wieder humorvoll aufgelockerten Ausführungen, bei denen ihr unermüdliches Engagement für die Aussöhnung zwischen Christen und Juden sichtbar wurde. Manch Zuhörer nutzte zum Abschluss des Abends die Gelegenheit, in kleiner Gesprächsrunde über die Vergangenheit und Gegenwart zu diskutieren.

Hintergrund:
Für ihr unermüdliches Engagement für die Versöhnung von Christen und Juden erhielt Henny Seidemann unter anderem 1986 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 1993 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie die Medaille "München leuchtet". 1990 porträtierte das Bayerische Fernsehen mit dem Film "Steine auf dem Weg" ihr bewegtes und bedrohtes Leben.

Die Hanns-Seidel-Stiftung will mit der Veranstaltungsreihe "Frauenbilder" Frauen zu Wort kommen lassen, die sich für eine menschlichere Welt auf allen Ebenen des Lebens engagieren.