Alice Frommholz: Erika


Aber meine Erika, sie scheint ewig jung zu bleiben, von einer rührenden Bescheidenheit ist sie. Eine gute Kameradin, die mich durch viele fremde Länder begleitet hat, ohne Pass und Visum, die Zollbeamten warfen keine scharfen Augen auf Erika. Das war mir ganz lieb so, denn Erika soll ja nur mir gehören – ganz und gar.

Sie reiste nicht mit stummem Mund, sie erzählte viel, erweckte in mir all den fremden Zauber all der Städte und Dörfer, die wir durchzogen. Sie machte viele Bekanntschaften mit guten und bösen, mit freundlichen und mürrischen Menschen. Sie ist weder hochmütig noch einsilbig geworden.

Nur einmal, es war wohl in Bukarest, wir wohnten in einem so schönen, sonnigen Hotel, da wurde gerade die liebe Erika krank. Ich nahm sie verängstigt zum Onkel Doktor, aber es dauerte nicht lange, da konnte Erika wieder mit ihren spitzen Absätzchen munter klappern. Ich streichelte Erika dankbar und zärtlich. Was für eine Angst ich um sie hatte, wo ich von ihr nur immer rege Munterkeit gewohnt war.

Jetzt ist sie wieder in Berlin mit mir. Ich kann sie noch so kritisch betrachten, sie ist die alte geblieben, trotz vieler Stürme und Enttäuschungen. Ich hege und pflege sie aber auch immer recht brav und dafür dankt sie mit ihrer unvergleichlichen Treue. Sie weiß ganz genau, wann sie sich zurück zu ziehen hat und freudig kommt sie mir entgegen, wenn ich mit ihr plaudern will.

Erika – meine kleine Reiseschreibmaschine!

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk