Alice Frommholz: Drei Gedichte


Federpost
Von Alice Frommholz

Wenn du Post bekommst,
woran eine kleine Feder geheftet ist,
so weißt du – sie ist von mir,
und immer sollst du wissen,
daß daran ein Hauch von Zärtlichkeit,
von Güte, ein Lächeln liegt.
Es sind Gedanken zwischen den Zeilen.
Nur du sollst sie entziffern –
sollst sie deuten.
Denn wisse – niemals darf ich dir sagen,
was du mir bist.
So nimm diese federleichten Gedanken
und hüte sie wie einen kostbaren Schatz.

Vielleicht spürst Du es nicht…
Von Alice Frommholz

…wie dich meine Worte streicheln –
mein Blick, meine Handbewegung
von weitem – ein zärtliches Spiel
so unnahbar, doch ganz an dich geschmiegt.
Meine Worte, meine Blicke
meine Bewegungen warten darauf,
daß du sie einmal in dein Herz schließen wirst!

Mondsichel
Von Alice Frommholz

Ich such den Himmel ab
nach der kleinen Sichel aus Gold.
Feinziseliert und zart gesponnen
aus hauchdünnem, haltbarem Metall
hängt sie, die Sichel, in den Wolken.
Wenn der Tag sich vor dem Dunkel neigt,
schimmert das goldne Gehänge herab,
von einer unsichtbaren Kette gehalten.
Doch unaufhaltsam zieht die kleine Sichel
aus Gold ihre vorgeschriebene Bahn –
lautlos und langsam
und trägt die geheimen Wünsche der Menschen mit sich,
daß sie in Erfüllung gehen.

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse".

In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer
gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder
Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von
Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk