Lucas Cranach und die Kunst der roten Farbe: So ein Zinnober!

Vater und Sohn Cranach hatten zwei Möglichkeiten, an diese unbedingt notwendige Farbe zu kommen: Teuer im Handel kaufen oder in der eigenen Apotheke selbst herstellen.

Apotheker waren gelernte Alchemisten. Sie waren die Philosophen der damaligen Naturwissenschaften und ohne Sonne, Mond, Sterne und den Planeten ging gar nichts. Dazu brauchte man die Kenntnis der europäischen Hauptsprache des gesamten Mittelalters, und das war Latein. Mit all dem konnte man Zinnober herstellen. Man lernte dies in den Kellern der berühmten Alchemisten, wo getrocknete Alraunen, Galgant, Johanniskraut und ein mumifiziertes Krokodil an der Zimmerdecke hingen.

Sechs Grundstoffe waren nötig, ihre Eigenschaften waren giftig, entflammbar, ätzend und reizend. Die wichtigsten Stoffe waren lebendiges Quecksilber, Mercurius vivus genannt, und flores sulfuris, Schwefel. Eine Lauge kam dazu, Branntkalk und Salpetersäure.

Der Apotheker von Lucas Cranach wog 1 Unze Quecksilber und drei Drachmen (eine Drachme entspricht dem Gewicht einer Silbermünze von ca. 4-5 Gramm) Schwefel ab und gab dies in einen Mörser. Sulfur und Mercurius verloren nun durch tüchtiges Mischen ihren Glanz und wurden zu schwarzem Pulver! Das durfte eine Mondnacht lang ruhen. Nun machte der lernbegierige Geselle eine solutio (Auflösung) mit 2 ½ Drachmen Laugensalz in einem Lot Wasser. In einem anderen Becher braute man ein Kalkwasser aus 10 Gramm Branntkalk. Nun wurde das Feuer gleichmäßig bereitet, beide Flüssigkeiten zusammengegeben und über dem Feuer zum Aufwallen gebracht. Durch das Zusammengerinnen (wissenschaftliche Bezeichnung: Coagulation) entstand ein weißer Pulverbrei. Den fing man in einem Filterpapier auf, ohne die Mahnung zu vergessen: „Hüte dich, von der Flüssigkeit bespritzt zu werden!“, denn der Brei war bissig und ätzend.

Der nächste Schritt wurde im balneum Mariae, Marienbad, ausgeführt, einem beheizbarem doppelwandigen Wasserbecken. Der weiße Brei wurde in diesem Gefäß über dem Feuer erwärmt. Hier hinein gab man das schwarze Pulver und sollte tüchtig rühren, etwa eine Stunde lang. Wenn die Planeten einigermaßen günstig stehen, so war die Grundregel der Alchemisten, wird die Flüssigkeit gelblich und dann langsam dunkler und fängt an sich zu röten. Halleluja! Nach guten drei Stunden des Umrührens lag leuchtend rotes Pulver am Grunde des „Marienbades“. Vorsichtig wurde der rote Pulverbrei in ein Filterpapier gegossen und trocknen gelassen. Nachdem er ganz ausgetrocknet war konnte er im Mörser fein verrieben werden. Lucas und Lucas hatten nun den feinsten Zinnober.

Bildtext (r.): Mit Mystik und Magie kräftige Farben herstellen – mit merkwürdigen Zutaten. Im Mittelalter war man da nicht eben zimperlich … Foto: Inhaber: Investitions- und Marketingessellschaft Sachsen-Anhalt GmbH, Fotograf Tim Hufnagl

Der 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren ist der Anlass für die weltweit erste Sonderausstellung, die sich seinem Leben und Wirken widmet. Im eigens dafür konzipierten Museumskomplex „Augusteum“ lädt vom 26. Juni bis 1. November 2015 die Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ die Besucher aus ganz Europa in die Lutherstadt Wittenberg ein. Im neu gestalteten Museumsgebäude präsentieren die Ausstellungsmacher die wichtigsten und wertvollsten Kunstwerke der deutschen Renaissance in einer großartigen Kulturschau. Bisher nie in Deutschland gezeigte Meisterwerke aus Frankreich und den USA machen diese Sonderausstellung zum Höhepunkt des Cranachjahres 2015 in Europa.
(Quelle: © by C.A.B.-Artis 03-2015)

Weitere Informationen:
www.cranach2015.de

Titelbild: Im neu konzipiereten Museumskomplex „Augusteum“ lädt vom 26. Juni bis 1. November 2015 die Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ die Besucher aus ganz Europa in die Lutherstadt Wittenberg ein. Foto: Inhaber: Investitions- und Marketingessellschaft Sachsen-Anhalt GmbH, Fotograf Tim Hufnagl