Alice Frommholz: Mutters Hilfstruppen


Und wenn sich die Mutter nicht von dem Haushalt überrunden lassen will, muss sie schon über eine gewisse Diplomatie verfügen. Wenn so z. B. die kleinen Hausgeister merken, dass sie respektiert werden, lassen sie sich willig in die Hausordnung einreihen.

Obwohl die Älteste sehr viel Schularbeiten, unregelmäßigen Schulbesuch und diverse Sportunternehmungen zu bewältigen hat, so deckt sie gern den Tisch. Da kann sie ihre Phantasie und ihren Ordnungssinn zugleich anbringen. Die Abwascherei lässt sich mit Mutter leichter überstehen, wenn das gelernte Schulpensum verwertet wird: indem dann die Tochter die Examinierende ist. Wenn das Geburtsdatum von Karl dem Großen nicht so parat sitzt, plätschert das Abwaschwasser auffallend lauter. "Mami, ich weiß viel mehr als du…" gibt der Sache beim Abtrocknen einen besonderen Reiz.

Der Sonntagskuchen, die Speise, das Abschmecken des Essens – das ist das Privileg der großen Tochter. "Wehe, Mami, du nimmst mir das weg, Sonst bin ich böse." Welche Mutter kann solcher Rede widersprechen? Und der zehnjährige Herr Sohn? Er lässt sich nicht so leicht heranziehen. Jedoch, sagt man ihm, dass Vater als noch viel kleinerer Steppke die gesamten Schuhe der Familie zu putzen hatte, so regt das entschieden den Ehrgeiz zur Nachahmung an. Alles Technische interessiert – also, kommt das Kommando: Die Kokseimer mit dem Aufzug aus dem Keller hochwinden. Hingebungsvoll wird von Zeit zu Zeit der Nähkasten aufgeräumt. Dann herrscht darin eine heilige Ordnung. "Helmi, so wie du das machst, kann es kein anderer…" Der Sinn für weise Einteilung reiht sich in den Nähkasten ein.

Und das Nesthäkchen? Es möchte doch auch zu gern helfen. Vaters Hausschuhe wandern emsig an den rechten Platz. Unverfängliche Dinge landen ohne Zwischenfall auf der angewiesenen Stelle. Beim Wäschespülen wird der leichte Eimer aus Preßstoff für die kleinen Kräfte ausbalanciert. So summiert sich eine Hilfeleistung zu der anderen. Mit gegenseitiger Geduld und Anpassungsfähigkeit kristallisiert sich die familiäre Kameradschaft. Pflichten breiten sich nebenher als etwas Liebenswertes und oft Originelles aus – zum späteren Einreihen in die große Außenwelt. Und als Haussegen hängt unsichtbar über allem die frohe Laune.

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter etwa auch der "Hannoverschen Presse".

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk