Carl Spitzweg und die Sehnsucht nach Liebe

Lesesonntag: Lust und Verlust – die Liebe bringt die beiden zusammen. Eine Liaison, die Stoff liefert für höchstes Entzücken und heftigstes Gefühlsdrama – und inspirierte Kunstwerke. Dass auch die Bilder des Malers Carl Spitzweg von versagter Liebe, amourösen Eskapaden, Lust und Verlust erzählen, dürfte erstaunen.

Bekannt ist der Münchner Maler eher für seine Schilderungen skurriler Sonderlinge und den ironischen Blick auf die kleinbürgerliche Idylle. Diese populären Hauptwerke präsentiert das Museum Georg Schäfer Schweinfurt derzeit in seiner Sonderausstellung „Carl Spitzweg – Die weltweit größte Sammlung seiner Werke“, überrascht daneben aber auch mit kaum bekannten Inhalten wie die zum Thema Liebe und Frau.

Das Bild „Verbotener Weg“ entstand um 1845/50 und zeigt ein ungleiches Paar auf Abwegen inmitten einer schwülen Sommerlandschaft. Ein älterer, etwas klein geratener Herr in Rock und Zylinder zerrt eine junge arrogante Schönheit durch die reifen Kornfelder. Ungeduldig, Richtung Gebüsch, weil er seine heimlichen erotischen Pläne bedroht sieht. Nervös blickt er über die Schulter zurück in die Bildtiefe. Dort steht an einer Wegkreuzung eine schemenhafte, dunkle Gestalt, die das Unterfangen genau beobachtet. Das gleiche tut der Betrachter. Der Künstler hat die Szene in einen Fernglasausschnitt gestellt, der das Paar in scharfer Nahsicht hervorhebt, malerisch in biedermeierlicher Glätte. Weg und Wiesenstück hingegen hat er in erfrischender Freiheit gestaltet, mit pastosem, schollenartigem Farbauftrag. Das hinreißende Stück Natur zeigt, dass Spitzweg auch als Landschaftsmaler ganz auf der Höhe seiner Zeit war


Bildtext (l.): „Dirndl und Jäger im Gebirge“, Carl Spitzweg. Foto: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Hier also Lust, die durch peinliche Verwicklungen komisch daherkommt und gleich den Verlust im Schlepptau hat. Dem vornehmen Herrn droht seine moralische Integrität zu bröckeln, er wurde beobachtet.

Anders, jedoch nicht minder eindrucksvoll, inszeniert Spitzweg den Auftritt einer blutjungen Sennerin in „Dirndl und Jäger im Gebirge“, gegen 1870. Sie kommt auf der grandiosen Felsenbühne mit gähnenden Abgründen und steil aufragenden Felswänden wie eine Verheißung daher, blühend in Weiß, Rot und Blau. Rechts dahinter ist ein alter Jäger zu sehen, der an der Sennerin vorbeigegangen ist und nun ins Tal hinabsteigt. Er dreht sich um und wirft ihr einen langen Blick hinterher, sehnsüchtig, resignativ. Vorbei ist die Zeit der Jugend, dieses Mädchen ist für ihn nicht mehr erreichbar. Hier schwingt viel Biografisches mit.

Als junger Mann erlebte Spitzweg seine große Liebe. Er hatte der blitzsauberen Tölzerin Clara Lechner zu tief in die Augen gesehen und wagte kühn, für das Glück seines Herzens zu kämpfen. Die junge Frau war verheiratet. Als nach dem Scheidungsprozess alles gut zu enden schien, entriss ihm der Tod die Geliebte. Nach diesem Verlust wagte er keine Verbindung mehr einzugehen und lebte fortan als verschrobener Hagestolz. Bis ins hohe Alter hat er immer wieder das Dirndl als Krone der Schöpfung in seine Landschaften gesetzt, in seinen späten Bildern oft nur mit zwei, drei weiß-blau-roten Pinselstrichen. Sehnsuchtszeichen und malerische Beschwörung der Jugend und einer besseren Welt.
Sabine Haubner

 

Über die Autorin: Sabine Haubner (r.) ist Journalistin und Pressetexterin, lebt in einem idyllischen Weinort in der Nähe von Würzburg. Thematisch ist sie in den Bereichen Kunst, Kultur und Geschichte zuhause und hat ein Faible für die überraschenden und skurrilen Aspekte der Geschichten, die das Leben schreibt. Kontakt: sabine.haubner@email.de. Foto: Privat

 

Weitere Informationen:
www.museumgeorgschaefer.de

Titelbild: Bildtext: Der „Verbotene Weg“, Carl Spitzweg. Foto: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt