Alice Frommholz: Fräulein April


Den darauf folgenden Tag ist sie höchlichst "verschnupft" über ihre eigene Logik. Am Montag lächelt sie holdselig, die Sonne spiegelt sich in ihrem munteren, pfiffigen Äuglein. Der Dienstag endet mit Tränen und das neue Kostüm hat den ersten Schmelz eingebüßt. Am Mittwoch fliegt das eben gekaufte Hütchen durch ihr eigenwilliges Temperament in die Lüfte – Fräulein April rast so gar nicht damenhaft hinterher – von einer Häuserecke zur anderen, um geschwind in eine Nebengasse einzubiegen. Siehe da, Fräulein April geht wieder gesittet einher. Aber das Gesichtchen zeigt trübe Laune, die Stirn zieht sich kraus, das Herzchen ist schwer – was mag daran schuld sein, was kann es nur bedrücken?

"Wie meinen Sie, bitte – ich soll traurig sein?" flüstert Fräulein April "Mein Herr, Sie irren sich." Im nächsten Moment lacht Fräulein April ihr lustig-sprühendes Lachen, als ob es keine Tränen auf Erden gäbe. «Im übrigen mag ich keine Herrenbegleitung, ich kann meine Wege allein gehen – mein Herr. Ach bitte, so rennen Sie doch nicht fort, so war das doch gar nicht gemeint. Wenn nun auch zu mir der Frühling kommt, bin ich ja so einsam und Sie gefallen mir ja doch gerade, mein Herr. Oder ach, eigentlich meine ich Sie gar nicht, es gibt ja noch mehr Herren. Adieu, mein Herr, Sie können getrost gehen. Ich soll darüber traurig sein? Nein, es ist zum Lachen. Ich habe Tränen in den Augen? Ach, das ist doch Unsinn – nein, nein. Ich will ja gar nicht weinen – hu – hu – hu wie unglücklich ich doch bin."

Ja, so geht es dem launenhaften Fräulein April.

Alice Frommholz (1910-1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter etwa auch der "Hannoverschen Presse".

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk