Die Brilli-Stein-Variante


Ihr war eine Anzeige aufgefallen, mit der ein künstlerisch tätiger Steinmetz auf sich aufmerksam macht. Vor ihrem geistigen Auge haut ein muskulöser Handwerker kraftvoll auf Granit ein und schafft wunderbare Skulpturen (oder Grabsteine?) für eine New Yorker Galerie auf der Fifth Avenue.

Die lustige Witwe erscheint zum vereinbarten Termin, d.h. aus grundsätzlichen Erwägungen knappe zehn Minuten zu spät und sieht sich im Café um. Wo ist denn nun der muskulöse Herr mit dem Waschbrettbauch und den kraftvoll zupackenden Armen? Da drüben sitzt ein einzelner Mann etwas trübselig vor einer Tasse heißer Schokolade (!). Oh Gott. „Ich bin Frau Müller-Meisenfeld“, sagt unsere mutige Witwe schwungvoll, „sind Sie Herr XY?“ Der Herr bejaht, erhebt sich und vor ihr steht – ein Wichtelmännchen! Ungefähr fünf bis sieben Zentimeter größer als sie selbst und sie ist ziemlich klein. Er trägt Glatze, ganz ohne Zipfelmütze und ist von der Statur eines mickrigen Teenagers.

Frau Müller-Meisenfeld setzt sich, ermahnt sich im Geiste „Meisi, Contenance!“, bestellt Cappuccino und Sachertorte. Die Situation erfordert handfeste Kalorienzufuhr.
Tjaa. Das Wichtelmännchen scheint kein Freund vieler Worte zu sein. So gibt sich Frau Müller-Meisenfeld einen Ruck und versucht eine Konversation in Gang zu bringen. Es sollte doch möglich sein, eine halbe Stunde mit Haltung rumzubringen. Es erweist sich, dass der Gnom keine leichte Kindheit hatte und sich nach einer Scheidung derzeit in einer Umbruchsituation befindet. Die Finanzen seien auch nicht so recht im Lot. Mehr verrät er nicht und mehr interessiert die Witwe auch nicht. Vielleicht wäre er besser auf der Couch eines Psychotherapeuten aufgehoben, der mit ihm gemeinsam umbricht. Ja, und seine Steinbrocken bearbeitet er manchmal auch mit der Kettensäge. Huch! Sofort fällt ihr der Horrorfilm „Texas Kettensägenmassaker“ ein. Schluck.

Nach quälenden weiteren Minuten ordert sie noch einen Cappuccino und verlangt die Rechnung „getrennt bitte!“, was das Wichtelmännchen erleichtert registriert. Sie murmelt etwas von einem Arzttermin (ist doch glaubhaft im vorgerückten Alter), steht auf, ebenso das Wichtelmännchen. Es murmelt sowas wie „iss wohl nich…“. Frau Müller-Meisenfeld schnappt sich ihren Mantel und flüchtet.

Als sie ihr Wohnzimmer betritt, glaubt sie ein leises Kichern aus der Schublade zu hören, in die sie das Foto ihres Reinhold sel. verbannt hat. Soll er doch kichern. Sie bestellt sich in bewährter Manier einen Brilli, diesmal Ohrstecker, und wandelt Marylins Song leicht ab in „Diamonds are Meisis best friend“. Yes, Sir!
Doris Losch

Foto: Doris Losch