Alice Frommholz: Patience – Das „kleine“ Feuilleton


Soll ich mir vielleicht sagen lassen – ich hätte nichts anderes zu tun, als geduldig Patience zu legen? Vielleicht meint man auch noch geringschätzig, dass ich abergläubisch bin – denn vor dem Patiencelegen denke ich mir jedesmal eine feine, knifflige Sache aus, die in Erfüllung gehen soll, falls die Patience aufgeht. Geht sie nicht auf, geht mein Optimismus unter. Unter? Nein – in dem Fall sage ich mir dann – Patience ist ja eine große Schwindelei. Doch geht die Patience auf, beflügelt mich diese Tatsache. Und so glaube ich dann auch felsenfest an die Erfüllung des Wunsches.

Doch abergläubisch? Ich bitte Sie. Langeweile? Ich bitte Sie. Bedeutende Leute flüchten oftmals zur Patience – doch ich gehöre nicht zu den bedeutenden Leuten. Ich bin schlichthin ein Alltagsmensch Numero soundso. Doch warum soll ich nicht auch etwas von den Gewohnheiten bedeutender Leute annehmen? Wer soll mich daran hindern?

Langeweile – Aberglaube – nun, gerade wenn sich Arbeit oder Ärger auftürmt und kein Durchkommen verspricht, dann werfe ich den ganzen Krempel in die Ecke und lege mir eine Patience. Meine Gedanken spazieren gemütlich auf und ab. Sie lernen dabei, wieder Geduld zu haben. Geduld für all den Wirrwarr, der um mich liegt. Patience ist für mich eine Beruhigungspille, und der kleine, harmlose Aberglaube (also doch?!) – geht sie auf oder geht sie nicht auf -, ja, das ist nur so ein winziges Beiwerk, was man sich selbst schafft. Dieses Beiwerk gibt dem täglichen Gewohnheitstrott so einen kleinen Schwung, damit man wieder gut gelaunt, ausgeruht und geduldig weiter in Trapp geht.

Ich bin eben ein Freund von Geduld und Patience. Und keinen geht es etwas an, wie ich zur Geduld gelange. Drum sage ich keinem, dass ich zu Haus ab und zu geduldig Patience lege.

Alice Frommholz (1910 – 1962)

Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. Zu Beginn der neuen brikada-Rubrik starten wir mit der Schriftstellerin Alice Frommholz. Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter etwa auch der "Hannoverschen Presse". bk