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Friederike Schmöe: Große Taten

Seit Jahren erfreut die bekannte Autorin, Friederike Schmöe, die brikada-Leserinnen und -Leser mit ihren hintersinnigen, bisweilen knallharten Kurzgeschichten zur Weihnachtszeit. So auch diesmal. An dieser Stelle bedanken wir uns herzlich für „Große Taten“. Die Story endet mit einem völlig überraschenden Schlussakkord.

Für manche Taten braucht man Mut. Mehr als das. Entschlossenheit. Geradezu leidenschaftliche Entschlossenheit. Ich war bereit.

Ich hatte den Playboy und seine Kaprizen gründlich satt. All das männliche, testosterondurchtränkte Getue hatte ich mir jetzt den ganzen Advent lang mitansehen müssen! Er ließ nichts anbrennen, stellte der Damenwelt nach, wo und wann er konnte. Und das noch dazu in einer unzumutbaren Lautstärke! Manche meinten wirklich, sie wären das Nonplusultra, hielten sich für das Sahnehäubchen der Schöpfung. Ich konnte es nicht mehr ertragen, wie dieser aufgeblasene Heini die Damenwelt umwarb.

Das Sturmgewehr 44 lag mitsamt Munition noch immer im Schuhschrank. Großtante Wilma hatte es aus der schweren Zeit hinübergerettet, Gott hab sie selig.

Mit der Waffe im Anschlag lehnte ich mich ans Fenster. Am frühen Nachmittag ging der Herzensbrecher üblicherweise auf erotische Beutezüge. Sogar heute, am 24.12.! Tänzelte den Weibern nach und machte sie nach allen Regeln der Kunst an. Mein Glück, dass zwischen den Hochhäusern heute nicht viel los war. Wer flirtete schon im Dezembermatsch, während die Glühbirnchen der Weihnachtsbeleuchtung funzeliges Licht in den Nebel schickten und zu Hause der Weihnachtsbaum aufgehübscht und die Last-Minute-Geschenke eingehüllt wurden.

Nur diesem Schwerenöter machte das naturgemäß nichts aus. Er musste sich ja an alle ranschmeißen. Keine Chance ließ er aus. Fummeln um jeden Preis, nennt man das. Die Mädels konnten gar nicht schnell genug die Kurve kriegen. Manche versuchten es mit Geschwindigkeit. Denen kam er nicht nach. Andere ließen sich auf Diskussionen ein. Ihr Pech. Ich sag’s ja. Leidenschaftliche Entschlossenheit ist vonnöten, anders wird man die Kerle nicht los.

Ich trug Großtante Wilmas Fuchsmantel. Öffnete das Fenster einen Spalt. Brachte das Sturmgewehr 44 in Position. Meine Nachbarin hörte mal wieder viel zu laut Radio. Englische Weihnachts-Schnulzen pupsten aus ihrem Küchenfenster, das nie so richtig schloss.

Ich zielte und wartete. Ich brauchte den Burschen genau so, dass mein Schuss keine Gefahr für die Lady darstellte. Obwohl, andererseits ... wer legte schon wert auf all die weiteren Bastarde, die vermutlich demnächst geboren würden! Alle gezeugt von diesem Hallodri!

Hatten wir nicht längst genug von denen hier in der Siedlung? Gerade umschwänzelte mein Zielobjekte eine schlanke Schönheit, die kaum an ihm und seinen Avancen vorbeikam. Sie zickzackte über den mit Sand und Split übersäten Weg zwischen Nummer 12 a und 12 b. Okay. Jetzt hieß es aufpassen. Jetztjetztjetzt. Jetzt war genug Abstand zwischen ihm und ihr. Kimme, Korn und ...

Der Schuss saß. Der Knilch lag schon flach auf den Steinen. Die Tussi machte, dass sie wegkam.
Ich fuhr mit dem Aufzug runter, nachdem ich das Sturmgewehr 44 wieder in den Schuhschrank gepackt hatte. Dann betrachtete ich mein Werk.

Von dem Täuberich war nicht mehr viel übrig. Ich pickte eine ganz gebliebene Schwanzfeder aus der Matsche und trabte zurück in meine Wohnung, wo ich sie in den dicken Strauß aus Taubenfedern in die Porzellanvase steckte. Diese stellte ich behutsam zurück auf das Küchenbüffet. Direkt neben Großtante Wilmas Urne. Dann goss ich mir ein Likörchen ein. Immerhin war Weihnachten.

Weitere Informationen:
www.friederikeschmoee.de
(Der Link wurde am 23.12.2012 getestet.)

Bildunterschrift: Friederike Schmöe. Foto: C. Löffler

2012-12-23