Alice Frommholz: Blumenfrau – mit Herz


Und zuhaus verwelkten mir die Blumen trotz sofortiger Pflege direkt unter der Hand. Nein, eines Tages machte ich nicht mehr mit. Ich entdeckte ein paar Straßen weiter ein neu eröffnetes Blumengeschäft – klein, ein wenig versteckt zwar – aber das reizte mich. Die Auslage war von dekorativer Schlichtheit, mit einer persönlichen Note umgeben.

Die Blumenfrau sah mit ihrem leicht wuschligen blonden Haar und den roten Backen wie ein Tausendschönchen aus. Ihre Hände schienen behutsam die Blumenkinder zu streicheln, als ich mir einige aussuchte.

"Nein, diese nehmen Sie nicht – die werden bald verwelken. Hier ist eine sehr schöne Rose. Da werden Sie lange Ihre Freude haben…"

Innerlich staunte ich – aber als ich mir die Blumenfrau etwas versteckt zwar, doch intensiver betrachtete, wußte ich sofort: "Hier bis du gut beheimatet." Denn ich bin eine Blumennärrin – ich kann ohne Blumen nicht leben. In irgend einer Vase zuhause muß wenigsten eine Blüte atmen. Ich fühle mich dann nie allein. Sie kann mich zum Lachen bringen, zum besinnlichen Lächeln, zum positiven Nachdenken. Ich schenke auch liebend gern Blumen – doch hierzu brauche ich den Rat, die Fürsprache des Fachmannes. Die Wahl, eine Blume zu finden, ist mir weit wichtiger, als die eines Kleides.

Und wie recht ich hatte, ein paar Häuer weiter zu gehen, um diese Blumenfrau zu entdecken. Denn jedes Blumengebinde, jeder Strauß geht mit einer Ecke Herz aus diesem Geschäft. – von einem freundlichen Lächeln, von einem aufmunternden Wort begleitet.

Das Geschäft "blüht", es "floriert" – denn viele Menschen haben das Wesen dieser Frau entdeckt – es überstrahlt jeden, der hier eintritt. Wie gesagt – selbst die Blumen zeigen sich in einer besonderen Leuchtkraft und Grazie. Und hier in diesem reich waltet die Blumenfrau wie eine gütige Zauberin. An jede Blume ist eine kleine Zauberformel gebunden. Es liegt an dem Empfänger, sie zu entdecken.

Ich wünschte, daß eines Tages ein großer Busch rote Rosen an die Privatadresse der Blumenfrau abgegeben würde – von einem Blumenliebhaber, der eine dieser Zauberformeln nicht nur entdeckt sondern erkannt hat und sie nun auch in die Tat umzusetzen vermochte – um die Trägheit mancher Herzen zu bannen.

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Hintergrund:
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk