Anzeige: MZH
Zurück drucken
Artikelbild: 5926.jpg

Friederike Schmöe: Noch 8 Minuten bis 12

Die renommierte Krimiautorin Friederike Schmöe beschreibt in ihrer Kurzgeschichte „Noch 8 Minuten bis 12“ einen bitterbösen Jahreswechsel. Starke Nerven sind gefragt!

Sie, die es schon lange leid ist, hinter ihm herzuräumen und daneben zu sitzen, wenn er das Fenster an der Ampel runterkurbelt und rummotzt, sie, die nicht mal seine Tabletten herrichten darf, weil sie ja einen Fehler machen könnte, sie, die seine verächtlich verzogenen Mundwinkel, wenn er sie beim Lesen anschaut, nicht mehr aushält, die seinen guten Geschmack nie erreichen kann, die nie eine ernstzunehmende Gesprächspartnerin für ihn sein wird, sie, die nie versteht, was er an dieser Stadt so grauenhaft kleinkariert findet, wo sie doch eigentlich gern hier lebt,

sie sieht, wie ihm mit einem Mal der Tablettendispenser aus der Hand rutscht, wie die weißen und blauen Perlen herauskullern, unter das Bett und in die Ecken tänzeln und ausrollen, sieht sein erst genervtes, dann zorniges, schließlich erschrockenes Gesicht, nimmt seine aus ihren Höhlen hervortretenden Augen wahr und seine graue Hand, wie sie an seinen Hals fasst, den ausgeleierten Ausschnitt des Schlafanzugs packt und daran zieht, als könnte ihm diese fahrige Bewegung Erleichterung verschaffen,

sie lauscht seinem röchelnden Atem, dem die Kraft fehlt, den ganzen Menschen aus dem Bett zu hieven, um auf die Suche nach seinen Tabletten zu gehen, darum sein flehentlicher Blick, bereut er, sie weiß es nicht, sie lächelt, als die graue Hand zum Nachkästchen tastet, wo das Spray wartet, eine glänzende daumendicke Dose, und sie steckt schnell beide Hände in die Jeanstaschen,

da berühren seine Fingerspitzen das Spray, dieses kippt, fällt um, mit einem metallischen Geräusch, so laut in dem verhassten Zimmer, in dem sehr bald niemand mehr atmen wird, sein Gesicht läuft blau an, er hat keine Kraft mehr für Verächtlichkeit, die Dose rollt auf den Rand des Nachttisches zu, er sieht seine Frau an, würgt krächzend ein paar Silben hervor, die sie unmöglich verstehen kann, das ist nun wirklich zu viel verlangt,

ein kurzer Blick auf die Uhr, es ist 23 Uhr 52, der 31.12., sein Arm sackt weg, das Spray kullert über die Nachttischkante und taumelt in die Tiefe, Zeitlupe, denkt die Frau, als sie das schrille „Klenk“ des Aufschlags hört, während zeitgleich der Arm des Mannes herabsackt, auf die Bettkante schlägt, das gibt blaue Flecken, denkt sie, sie geht langsam zur Tür, angewidert von der blauen Farbe in seinem ledernen Gesicht, sie greift nach der Türklinke und geht hinaus.

Über die Autorin:
Friederike Schmöe wurde 1967 in Coburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik promovierte und habilitierte sie sich. Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin für Linguistik schreibt sie seit 2000 Kriminalromane und Krimikurzgeschichten. Außerdem gibt sie Kreativitäts-Kurse für Kinder und Erwachsene im In- und Ausland und veranstaltet Literaturevents, auf denen sie in Begleitung von Musikern aus ihren Werken liest. Sie arbeitet an zwei Krimiserien: Katinka Palfy, Privatdetektivin, ermittelt in Schmöes unmittelbarer fränkischer Umgebung. Die Münchner Ghostwriterin Kea Laverde löst ihre Fälle in und um München. Der 2009 erschienene 1. Laverde-Band wurde von Brigitte unter den „besten Taschenbüchern für den Urlaub“ empfohlen.

Weitere Informationen:
www.friederikeschmoee.de

(Der Link wurde am 31.12.2011 getestet.)

2011-12-31