Doris Losch: Plätzchendrama


Sie müssen doch irgendwo sein, aber wo – sie wurden nach getaner Backarbeit Mitte Dezember vorigen Jahres weggelegt, an einen sicheren Ort, an dem ihnen nichts passieren kann (Wasserschaden, Feuer, Diebstahl, Datenklau etc.) und der mit Weihnachten oder Advent zu tun hat.
Ach ja, sie werden in der Adventstüte sein mit den zur Aufstellung vorgesehenen Adventsengerln und -bengerln. Wo aber ist die Adventstüte? In der Kammer, ganz klar. Nach Wegräumen diverser Schuhe, der Ostertüte, den Halloween-Keramikkürbissen, einer vergessenen Tüte mit Altkleider taucht sie auf. Und das ist drin: ein Türkranz, einige Engerl, Kurrendesänger aus Holz, ein Nussknacker, diverse Schleifen und Bänder, eine halbe Nussschale, ein Kerzenstummel, aber leider keine Rezepte.
Dabei gibt es die Rezepte in zweierlei Ausfertigung. Einmal im Original in alten speckigen Kochbüchern und einmal sauber abgetippt und ausgedruckt. Beides wird separat aufbewahrt. Vor dem PC-Totalabsturz waren sie auch noch auf der Festplatte gespeichert, aber halt nicht auf einer externen Festplatte.
Die Situation spitzt sich zu. Ohne Plätzchen kein Weihnachten, jedenfalls kein richtiges. Ohne Plätzchen enttäuschte Gesichter, leere Mägen… „Ich kann Dir Rezepte geben!“ bieten wohlmeinende Zetgenossen an. Sehr nett, aber es sind eben nicht O m a s Rezepte, hundert Jahre alt, kalorienschwer, üppig und unvergleichlich im Geschmack.
Bemerkungen wie: „Ach, die kannst Du immer noch nicht auswendig?“ trüben die Stimmung weiter ein. Also ab in den Keller und hineingetaucht in die Weihnachtskartons: nichts. Vielleicht in den Schlafzimmerschränken, ganz unten. Nichts. Dann – natürlich! – bei den Koch- und Backbüchern. Nichts. O Gott! Ja, genau! Schnell ein Stoßgebet an den Heiligen Antonius geschickt: Heiliger Sankt Antonius, lieber guter Mann, wir haben was verloren, bitte führ‘ uns wieder dran! Und dann warten. Tatsächlich kommt nachts um halb vier ganz plötzlich ein Gedanke den Weg ins Hirn: warum nicht mal im Büroschrank nachschauen?
Gedacht, getan: Jaaaa!!! Da sind sie, Omas alte speckige Kochbücher mit den unersetzlichen Rezepten. Heiliger Antonius, danke!!
Doris Losch

Foto: Nach einem Motiv von Doris Losch