Alice Frommholz: Die Frau und ihr Privatgarten


Für gewöhnlich versinkt die verheiratete Frau in ihrem Haushalt. Steht sie noch dazu in einem Beruf, so scheint es weit schwieriger mit ihrer Zeiteinteilung für das ganz Persönliche zu sein.

Dennoch gibt es gerade unter den viel beschäftigten Frauen eine große Anzahl, die um das Geheimnis des Privatgartens wissen. Schon seine Pflege allein macht die eigentliche Freude aus. Aus dieser Freude wächst der Schwung und die Kraft für den Alltag. Eine Frau ohne den inneren Halt einer kleinen Liebhaberei wird kaum den wunderbaren Ausgleich einer solchen Entspannung verspüren.

Es sind mitunter die unscheinbaren Dinge, in die eine Frau ihr Sonntagsherz legt. Sei es, sie sammelt auf einem Spaziergang eine kleine Taubenfeder auf oder trägt in der Manteltasche eine ausgesucht schöne blanke Kastanie, die sie spielerisch in der Hand dreht. Oft kommen ihr dadurch nette freundliche Gedanken. Oder es liegt zuhaus versteckt in einer kleinen doch kostbaren Schale ein lustiger Kienapfel, der an den Spaziergang mit einem lieben Menschen erinnert.

Manche Frau hat den Hang zur guten Literatur. Sie wird spüren, wie viel Beglückung das geschliffene Wortspiel in sich trägt. Die Malerei hat ihren besonderen Reiz in der Farben- und Formgestaltung. In solchen Abwechslungen kann die Frau ihren Alltag versenken, um aus diesem Wechsel der Spannung und Lockerung heraus sich gestärkt der Familie und den Anforderungen des Alltags wieder neu zu widmen.

So nimmt die Frau in beruhigender Ausgeglichenheit viel froher die eintönig wiederkehrenden wie die plötzlich auftauchenden Hürden des Lebens und meistert sie mit elegantem Schwung – durch die kleinen Freuden, die in ihrem Privatgarten wachsen.
Alice Frommholz (1910 – 1962)