Zurück drucken
Artikelbild: 940.jpg

Friederike Schmöe: Das Koka-Ei

Die Bamberger Krimiautorin und Privatdozentin im Fach Linguistik an der Universität Bamberg Friederike Schmöe überrascht die brikada-Leserinnen zu den Osterfeiertagen mit einem ungewöhnlichen Kurzkrimi.

Das Koka-Ei
Das gelbe Ei leuchtete diskret zwischen den Zweigen hervor. Selbst ein Wurm wie Lester würde es finden. Kichernd rührte Dagny mit den Stiefelspitzen in den Flusswellen. Ihre Füße waren dick und klumpig wie die eines Nilpferds. Morton behauptete, das liege an den Medikamenten.
Er würde das hier nicht mögen. Kuriere arbeiten im Schatten, sagte er gern. Dagny seufzte. Sie kapierte nie, was er meinte, und das mit dem Schatten kam ihr spanisch vor, schließlich schien heute keine Sonne. Absätze klapperten. Ein paar frühe Kirchgänger kamen am Schloss vorbei. Dagny trat vom Ufer weg und verzog sich in die Büsche. Keiner guckte die schmalen, zugewachsenen Stufen zum Fluss runter. Dickicht verschlang die alten Zugänge zum Wasser. Dagny mochte die verträumten Plätze der Vergangenheit, den verwitterte, geborsteten Stein. Sogar jetzt, wo der Schneematch die Stufen zudeckte. Alles sah aus wie Blei. Umso deutlicher wäre das Ei zu erkennen, selbst für einen Blindfisch wie Lester.
Lester war ein guter Kunde, also zuvorkommend zu behandeln. Er bezahlte bei Morton und Dagny brachte die Ware. Währung war ein Passwort. Dagny fand, dass Mortons Fantasie in bezug auf Passwörter nicht besonders ausgeprägt war. Für heute hatte er Ostern gewählt. Sehr witzig. Wusste Lester das Wort, bekam er die Ware. Wusste er es nicht, gabs kein Koks.
Da kam er. Er rauchte. Sein Gang imitierte einen Strauß, er tat großkotzig, aber in Wirklichkeit war er ein Häufchen Unrat auf zwei Beinen. Dagny rauchte nicht, trank nicht und kiffte nicht. Lester spielte in jeder Liga mit.
Unruhig kam er vom Schloss her auf den Zaun zu. Natürlich guckte er nicht richtig hin. Dagny grinste. Sie würde ihn ein paar Minuten zappeln lassen. Wieder schwebten nasse Schneeflocken vom Himmel. Das Ei musste er doch sehen. Gelb. Dagny glaubte, Geld sei die Farbe der Hoffnung, aber sie war sich da nie so sicher, vielleicht war es auch Grün oder Blau. Lester trat seine Zigarette aus und steckte die nächste an. Zerfahren scharrte er mit den Füßen die Kippe in den Fluss.
O.k., er sollte haben, was er brauchte. Dringend brauchte.
Dagny glitt aus ihrem Versteck.
"Morgen!"
Lester zuckte zusammen. Die Zigarette fiel ihm aus der Hand und er fluchte.
"Bist du schon wieder zu spät?"
Dagny grinste breit.
"Heute ist Ostern. Zu musst suchen."
"Spinnst du oder was?"
Ein wenig enttäuscht stellte sie fest, dass Lester nicht die leiseste Absicht hatte, Ostereier zu finden. Seine Hände flatterten. Genervt wies sie die Treppen durch das Dickicht zum Fluss.
"Hier. Knallgelb. Kaum zu verfehlen."
Lester schnaubte.
"Glaubst du, ich picke das auf?" Wütend packte er Dagny am Parkakragen. "Los, hol den Stoff. Ich habe nicht ewig Zeit."
"Passwort."
"Vergiss es."
"Passwort. Ich will wissen, ob du Morton bezahlt hast."
"Das kann dir doch am Körperteil vorbei."
"Passwort." Dagny kannte seine Manöver.
"Ostern. Sonst noch Fragen? Und jetzt hol endlich dieses verdammte Ei rauf!"
Dagny fühlte das dumme Tier herankriechen, wie immer, wenn sie traurig wurde. Morton hatte ihr mal erklärt, dass es deshalb Leute wie Lester gebe, weil die Welt ohne Freude sei. Die meisten Menschen suchten die Wärme und den Tanz und die Glut. Euphorie, nennt man das, erklärte Morton gönnerhaft. Morton drückte sich immer so albern aus. Nie konnte sie ihn wirklich verstehen. Und Lester war einfach ein Idiot. Sie kletterte die Stufen zum Fluss hinunter, klemmte sich das Ei unter den Arm und reichte es Lester. Ihre Lippen bebten vor Enttäuschung. Seine Hände fummelten zittrig herum, bis er die beiden gelben Hälften endlich auseinanderbekam und das Tütchen rausfischte.
"Mach das nicht noch mal", knurrte er und steckte die Beute in die Tasche. Die Eierhälften ließ er einfach fallen, drehte sich auf dem Absatz um und trabte davon.
Aufschreiend schlüpfte Dagny durch das Gestrüpp und erwischte die gelben Eierbäuche gerade noch, bevor sie ins Wasser rollten. Ihr kam der Gedanke, dass sie bestimmt gut schwimmen würden. Sie setzte das erste Schiffchen behutsam aufs Wasser, schubste es ein Stück in die Wellen und flüsterte: "Na los, Käptn ahoi!"
Die Boote tanzten in die Flussmitte, an zwei erstaunten Erpeln vorbei, wirbelten unter der Rathausbrücke durch und verschwanden aus Dagnys Blickfeld.
Dagny richtete sich auf. Sie wollte heim. Sie fror und die Füße taten ihr weh.
Als sie die Stufen hinaufkletterte, standen oben zwei Grüne.
Dagny schlug einen Haken und rannte zurück auf die Landzunge zwischen Fluss und Kanal. Sie balancierte vorsichtig in das braune Wasser, die Arme weit ausgestreckt, bereit, abzuheben.
"Stop!", knurrte eine dunkle Stimme. Jemand packte sie am Arm. Der Polizist fluchte, er trug keine Gummistiefel. Ihre waren schon vollgelaufen. Dagny stöhnte.
"Das wird Morton nicht freuen", seufzte sie.

In der Haftzelle brachte man ihr warme Socken und eine Decke. Die Heizung bullerte. Nebenan hörte sie Morton rumschreien, es sei eine Schande, dass eine Mongo ihn um diesen Feiertag gebracht habe. Alles erstunken und erlogen, er hätte nichts mit der Sache zu tun.
Irgendwann tönte auch Lesters Stimme zu ihr herüber. Dagny rollte sich auf der Matratze zusammen. Eine Polizistin brachte ihr heißen Kaffee und zwei Schokoeier.
"Danke!", freute sich Dagny. "Das habe ich ganz vergessen."
Sie bot der Polizistin eines der Eier an, aber die schüttelte den Kopf und ging weg.
"Kriegt Morton auch ein Osterei?", rief Dagny ihr hinterher.
Morton brüllte irgendwas Scheußliches.
"Dann kriegt er keins", schrie Dagny. "Auf keinen Fall. Und Lester auch nicht. Er hatte heute früh schon eins!"
© friederike schmöe 2006


Die Autorin Friederike Schmöe beschreibt ihren beruflichen Werdegang wie folgt:
"Ich wurde 1967 in Coburg geboren. Nach dem Abitur studierte ich Germanistik und Romanistik, jobbte während des Studiums als Erzieherin in einem Jungeninternat, Übersetzerin, Reiseleiterin, promovierte und habilitierte mich. Mehrere Jahre arbeitete ich als wissenschaftliche Assistentin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bamberg, momentan als Privatdozentin im Fach Linguistik. Einige Male habe ich als Gastdozentin im Ausland gearbeitet, in Italien, Dänemark, Georgien. Schon als Kind habe ich mit Begeisterung Abenteuer-, Spionage- und Kriminalromane gelesen. Deshalb musste ich einfach selber welche schreiben! Seit 2000 bin ich Krimiautorin."

Weitere Informationen: www.friederikeschmoee.de

Krimis:
Tochter-Seelen. Thriller. Toppenstedt: Buchverlag Andrea Schmitz 2003. ISBN 3-935202-09-1.
Maskenspiel. Katinka Palfys erster Fall. Meßkirch: Gmeiner-Verlag 2005. ISBN 3-89977-636-4.
Kirchweihmord. Katinka Palfys zweiter Fall. Meßkirch: Gmeiner-Verlag. Juli 2005. ISBN 3-89977-643-7.
Fratzenmond. Katinka Palfys dritter Fall. Meßkirch: Gmeiner-Verlag. Februar 2006. ISBN 3-89977-675-5
Käfersterben. Katinka Palfys vierter Fall. Meßkirch: Gmeiner-Verlag. Juli 2006. ISBN 3-89977-681-X

Kurzkrimis:
Almas Fluch. In: Criminalis. Magazin für Krimifreunde. Hrsg. von Dorothea Puschmann. Telgte: Capricorn Literaturverlag 2003. S.55-62. ISBN 3-9807961-3-2.
Stopfkraut in Teuschnitz. In: Bayerisches Mordkompott. Hrsg. von Billie Rubin. Leer: Leda-Verlag 2003. S. 124-135. ISBN 3-934927-33-5.
Urbi et Orbi. In: Tatort Kanzel. 24 Kirchenkrimis. Hrsg. von Tatjana Kruse und Billie Rubin. Kiel: Wittig-Verlag 2004. S. 186-201. ISBN 3-8048-44877-1.
Kugeln und Sterne. In: Brikada. Das Magazin für Frauen. 24.12.2004: http://www.brikada.de/
Hound Dog. In: Rot wie Blues. Fünfzehn Rock-Krimis. Hrsg. von Lothar Ruske. Wiesbaden: Brücken Verlag 2005. S. 60-78. ISBN3-935136-23-4.

(Der Link wurde am 15.04.2006 getestet.)

2006-04-15