Brigitte Karch: Wenn Hartz IV zur Chance für tüchtige Frauen wird


Es gibt erfolgreiche Unternehmensleiterinnen in Spitzenpositionen bedeutender Industriebranchen mit Hunderten von Mitarbeitern, in Verbänden und Behörden. Hin und wieder werden sie für ihre Führungsqualitäten mit Ehrungen ausgezeichnet oder können in Medien Berichte über ihre beruflichen Erfolge nachlesen.

Und dann gibt es die "stillen" Frauen in unserem Land. Sie sind nicht minder tüchtig, nicht minder fleißig und nicht minder engagiert! Sie stehen nicht im Rampenlicht, machen keine Schlagzeilen und fallen auch nicht auf durch Extravaganz, Glamour und Glitter.

Wer fragt schon nach Hartz-IV-Empfängerinnen, die täglich mit jedem Cent und Euro jonglieren müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen? Sie klagen nicht, sie jammern nicht, sie befinden sich jenseits von lähmendem Selbstmitleid. Sie sind bloß tapfer, tüchtig, unbeirrt – zielstrebig eben. Martina Streibel in Berlin beispielsweise gehört zu ihnen, die tatkräftig ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen.

brikada erfuhr durch das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz von Martina Streibel. Die gebürtige Münchnerin, studierte Tontechnikerin wurde nach einem kurzem Intermezzo als freie Mitarbeiterin, Dozentin und Festangestellte arbeitslos. In jener Zeit absolvierte sie vier Praktika, nahm einen 1,50 Euro-Job an und schrieb über 500 Bewerbungen.

Doch die junge Frau hatte ihr Hartz-IV-Dasein eines Tages satt. Sie ergriff die Chance einer sechsmonatigen Fortbildung im Bereich Marketing und beschloss, ein Kochbuch in Eigenregie herauszubringen. Ihr gelang es, die Idee zu realisieren: sie kochte, fotografierte und konzipierte das Layout ihres Kochbuchs "Hartz-Haft, aber lecker!". Mit Tipps und Hinweisen stand ihr Arbeitsberater zur Seite, Freunde und Bekannte sparten weder mit Lob noch mit hilfreicher Kritik und erwiesen sich als fleißige Testesser. In Seminaren zum Spottpreis – wie manch einer sagen würde, für Hartz-IV-Empfänger gerade mal noch so erschwinglich – gibt sie nun ihr Wissen weiter.

Sie möchte damit anderen Menschen mit vergleichbarem Haushaltsgeld-Niveau mehr Spaß und mehr Freude am Kochen vermitteln und zugleich auch mehr Lebensmut gewissermaßen kochlöffelweise verabreichen. Eine Art Therapie mit eingebautem Bumerang-Effekt, wie wir meinen; denn wenn es Martina Streibel gelingt, anderen Menschen hier eine echte Hilfe zu geben, ist sicherlich auch ihr geholfen – zumindest seelisch und möglicherweise ein wenig auch finanziell.

Hut ab – vor so viel Eigeninitiative und Engagement! Die Ärmel-Aufkrempel-und-ran-an-die-Arbeit-Einstellung fordert zweifellos Respekt! Freilich, ganz ohne dem viel zitierten Quäntchen Glück geht es wohl auch hier nicht. Manchmal muss man dem Glück etwas auf die Sprünge helfen. Man findet Mit-Menschen und Mit-Helfer. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gehört allemal dazu, doch das kommt allein nur aus der eigenen Einstellung zum Leben.

Ach ja, Martina Streibels Ideenschmiede ist noch lange nicht am Ende. Sie hält in ihrer Schublade bereits ein weiteres Konzept in petto. Doch verraten wird nichts, noch nicht …
Brigitte Karch