Gertrud Knobloch: Spiegelfechtereien


Spiegelfechtereien
Von Gertrud Knobloch

Was der Süddeutsche Rundfunk kürzlich in einer Sendung berichtete, kann ich voll bestätigen. Darin hieß es nämlich, dass Vögel durchaus aus ihrer Umwelt lernen würden, dass beispielsweise gerade aus Ägypten zurückgekehrte Zugvögel manchmal orientalische Weisen erklingen lassen oder einheimische Vögel sich immer häufiger auf den simplen Handy-Telefon-Ton festlegten – Faultiere der Vogelwelt, die sich gar nicht erst auf Kompliziertes einlassen wollen.

Da lobe ich mir das Amselmännchen, das mich schon vor Jahren überraschte. Auch dieses Tier hatte sich spezialisiert, aber doch wenigstens auf eine vieltönige Weise, mit der ein findiger mobiler Eismann hier allen großen und kleinen Kindern das Kommen seines Auto-Verkaufsstandes in Überlautstärke anzukündigen pflegte. In Windeseile war die eingängige Kurzmelodie sein Markenzeichen und Lockung für alle Schleckermäuler geworden. Und nun hatte sie auch der Amselmann gehört und ließ sie vom nächsten Baum aus erklingen!

Inzwischen erfuhr ich noch mehr von "verrückten Vögeln". Bekannte erzählten mir, wie sie ihre liebe Not mit solch einem Exemplar hätten. Hier ging es um die Autospiegel. Jeden Morgen wären beide Außenspiegel ihres Wagens von oben bis unten verschmutzt. In diesem Fall war ein Bachstelzenmännchen der Übeltäter, der sich öfters bei seinem unwillkommenen Tun sehen ließ. An beiden Spiegeln kämpfte er mit dem vermeintlichen Rivalen, der sich darin sehen ließ, buchstäblich bis aufs Erblinden ( …der Spiegel nämlich). Wenn die Spiegel ordentlich vollgekotet waren, verschwand endlich auch der Rivale und das abgekämpfte Vogelmännchen gab Ruhe. Am nächsten Tag ging’s wieder von neuem los! Selbst Verhängen der Spiegel half so lange nichts, bis sie die Bachstelze nicht mehr freimachen konnte. Erst als beide Spiegel täglich päckchenartig "vogelsicher" verschnürt wurden, gab der Vogelrowdy endlich Ruhe!

Ich selbst kann noch von einem "irregeleiteten" Specht berichten, der auf dem Türmchen einer Kapelle neben unserem Haus sein Unwesen treibt. Vor einigen Jahren wurde es frisch renoviert und mit Holzschindeln neu verkleidet. Ungeziefersuche kann es also nicht sein, die den Specht von Zeit zu Zeit so eifrig an der Turmverkleidung arbeiten läßt. Ein Nachbar vermutet, dass auch hier in irgendeiner Weise "Brautwerbung" betrieben wird, denn ab und zu – wenn er wohl ganz dringend Anerkennung braucht – betätigt der Specht sich auch als "Glöckner", indem er laut schallend die metallene Turmkrone behackt. Oder wirkt das glänzende Metall auch als Spiegel? Dann bekämpft auch er vielleicht einen Nebenbuhler… Wer kennt sich schon aus mit "verrückten Vögeln"?

Gertrud Knobloch
Im Rheinland geboren, lebt Gertrud Knobloch jetzt mit ihrem Mann am Starnberger See in Bayern. Die Mutter zweier erwachsener Söhne war früher Werbeleiterin und Redakteurin und ist heute freie Schriftstellerin. Ihre Gedichte, Essays und Geschichten haben vor allem die Natur und Probleme unserer Zeit zum Thema.

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk