Doris Losch: Das Schnäppchen-Gen


Auf dem diesjährigen Symposium Feines + Trinken in München kam es ans Licht: Nucleus Accumbens heißt die Region im menschlichen Gehirn, die aktiv wird, wenn wir Sonderangebote im Supermarkt sehen oder sensationell im Preis herabgesetzte Schuhe.

Erforscht hat das die in München ansässige Gruppe Nymphenburg Consult unter streng psychologischen Gesichtspunkten. Das Unternehmen berät Kunden aus dem Handel und Markenartikelhersteller.

Also, was haben die Experten da ausgeforscht. Naja, es ist nicht direkt ein Gen. Eher ein seit zehntausenden von Jahren im Gehirn bestehendes Eckchen. Es leuchtet besonders hell auf, sobald frau (bei den Männern ist es vermutlich ähnlich, aber die geben es nicht so zu) etwas Günstiges entdeckt. Rund drei Viertel aller Kaufentscheidungen fallen unbewusst und der Rest hat mit Emotionen zu tun, ein Programm, das sich im Laufe der Evolution herauskristallisiert hat. Der schnäppchenbewussten Neandertalerin fiel vielleicht eine besonders schön geformten Muschelschale ins Auge, die sie haben musste, bevor die Cro- Magnon-Nachbarin zugriff, oder ein wunderbar weiches Fellchen vom Säbelzahntiger.

Doch so furchtbar weit ist der Weg zur heutigen Konsumentin nicht. Die Gruppe Nymphenburg fächert das gelüftete Geheimnis von Nucleus Accumbus näher auf. Es mischt sich da allerei, einerseits die Emotion des Sparens, die Emotion der Markenwelten, das Emotionssystem, das nie zufrieden ist, sondern immer mehr will. Wenn wir richtig verstanden haben (wir sind nämlich blond).

Die deutschen KundInnen teilen sich folgendermaßen auf in "Harmonizer", sie lieben die heile Welt zuhause, in Genießer, Traditionalisten, "disziplinierte Asketen" und die kleine Gruppe der Abenteurer und "Performer", die nur die eigene Karriere im Kopfe haben.
Mag ja alles sein. Gemeinsam ist allen – wir möchten darauf wetten! – das Schnäppchen-Gen. Denken wir dran, wenn uns gleich morgen ein orangenes Schild mit "reduziert"! unsere Aufmerksamkeit erregt: Es ist alles genetisch und wir können gar nichts dafür.

Doris Losch
Arbeitet als freiberufliche Journalistin für verschiedene Fachverlage auf dem Foodsektor sowie für Kosmetik-Fachpublikationen. Die erklärte Katzenfreundin schreibt mit Vorliebe Glossen und Feuilletons, die sich durch treffsichere Ironie und originelle Schreibe auszeichnen.