Doris Losch: Gute Falten, schlechte Falten


Anders schaut es mit 40, 50, 60 Jahren aus. Wer blickt frau denn da aus dem Badezimmerspiegel entgegen? Jemand mit immer deutlicher zutage tretenden Falten und Fältchen. Kein Grund zur Panik. Es gibt nämlich positive und negative Falten.

Negative Falten verleihen dem Gesicht einen negativen Ausdruck. Dazu zählen die so genannte "Marionettenfalte" – wie sie Marionetten mit einem beweglichen Kinn zum Mimen von Sprache haben – und ausgeprägte Zornesfalten über der Nasenwurzel. "Marionettenfalten" bzw. hängende Mundwinkel samt dazugehöriger, nach unten weisender Falte tauchen neuerdings im Fachjargon als "Merkel-Falte" auf. Höchst despektierlich, wenn man sich die wahrlich nicht faltenfreien Gesichter der Herren Politiker so vor Augen führt.

"Marionettenfalten" lassen ein Gesicht oft abweisend und pessimistisch erscheinen. Zornesfalten vermitteln den Eindruck von Strenge und Kritik. Und jetzt kommt die gute Nachricht: Gute Falten sind zum Beispiel Lachfältchen, die sich wie ein Netz von Sonnenstrahlen um die Augen ziehen. Feine und auch tiefere Augenfältchen künden von Lebensfreude und Humor. Hier hat jemand im Laufe des Lebens positive Energie getankt und viel gelacht. Zu den berühmt-berüchtigten Krähenfüssen werden sie erst, wenn sie – wie ein Krähenfuss – nach unten abknicken. Prominente Beispiele für "gute" Falten sind unter anderem Königin Sylvia von Schweden und Königin Beatrix von den Niederlanden. Königin Beatrix hat sehr viele Falten. Ihr Gesicht sieht jedoch (trotz leichter Hausbackenheit) ansteckend fröhlich und attraktiv aus. Viele "gute" Falten verstärken einen positiven Gesichtsausdruck. Auch ein Mann sei erwähnt: der Dalai Lama ist wahrlich nicht faltenfrei, doch sein Gesicht zeugt von heiterer Abgeklärtheit und wäre ohne Falten nur die Hälfte wert.

Und genau dies ist auch bei uns Frauen der Fall – was wäre unser Gesicht ohne seine Falten und Fältchen? Mit dem heutigen großen Angebot an Kosmetika und "Faltenschmeichlern", die Fältchen z.B. für besondere Anlässe (Klassentreffen!) für einige Stunden reduzieren, kann frau hervorragend aussehen und manche Zwanzigjährige an Ausstrahlung locker übertreffen. Soviel Souveränität muss im 21. Jahrhundert sein.

Aber schön wär’s doch, wenn man nochmal 20 wäre und so schön wie damals – oder?!

Doris Losch
Arbeitet als freiberufliche Journalistin für verschiedene Fachverlage auf dem Foodsektor sowie für Kosmetik-Fachpublikationen. Die erklärte Katzenfreundin schreibt mit Vorliebe Glossen und Feuilletons, die sich durch treffsichere Ironie und originelle Schreibe auszeichnen.

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk