Alice Frommholz: Dann muss man Zeit haben

Berlin/Hannover.- Wie oft haben Sie gedankenlos gesagt: „Ja, natürlich – ich komme Sie bald besuchen. Selbstredend, selbstverständlich machen wir uns ein paar vergnügte Stunden. Dann wollen wir nach Herzenslust erzählen. Aber leider – diese Woche geht es auf keinen Fall. Da bin ich randvoll besetzt mit Besprechungen, unaufschiebbaren Arbeiten. Aber nächste Woche – nein, lieber übernächste Woche – dann bestimmt. Oder noch besser – ich rufe Sie auf jeden Fall an. Sie können sich darauf verlassen. Es ist doch Ehrensache, sich nach so langer Zeit wieder einmal zu sehen. Was, Sie haben Kummer? Das tut mir leid – doch wie gesagt: jetzt kann ich wirklich nicht.

Und Sie haben den Telefonhörer aufgelegt – etwas beschämt, verlegen. Doch der andere merkt es ja nicht. Er versteht Sie selbstredend, dass Sie für ihn keine Zeit hoben – im Moment selbstredend haben Sie nur keine Zeit. Natürlich ist der Freund stets feinfühlend gewesen und hat sich in Ihre Sorgen und Nöte hineinversetzt. Auch darein, dass Sie im Moment keine Zeit haben.

Doch mit der Zeit resignierte er still und leise. Ein kleiner Blumenstrauß hätte es aber auch getan oder eine kurze Karte, worin Sie Ihre Anhänglichkeit ihm gegenüber gezeigt hätten. Aber nein – die dumme Zeit kam immer wieder dazwischen. Und so blieb es all die vielen Jahre. Das ist ein ganz triftiger normaler Entschuldigungsgrund.

Doch vorgestern, als Sie seine Todesanzeige bekamen – selbstredend nicht von ihm persönlich verschickt – denn dazu hatte er auf einmal keine Zeit; komisch – wie konnte er nur so sang- und klanglos von dieser Welt verschwinden, ohne Sie davon vorher in Kenntnis gesetzt zu haben. Ja, wie gesagt – jetzt weilt er nicht mehr unter den Lebenden. Er ruht sich aus von Ihrer eigenen Hetze, von Ihrer Zeitlosigkeit. Er war da – immer und stets, wenn Sie mal kurz ein Telefongespräch mit ihm führten, um sich Ihre Sorgen abzuwölzen – um den Undank der Welt, die Lieblosigkeit der Menschheit anzuprangern.

Jetzt gehen Sie hinter seinem Sarg, mit einem überdimensionalen Kranz getretener Gefühle. Sie können doch unmöglich mit einem Sträußchen dahergehen – was sollten denn die Leute auf dem Friedhof denken – die Leute, die Lebenden. Die Toten sehen ja leider nicht mehr, wieviel Aufwand, wieviel Geld man für so eine standesgemäße Angelegenheit aufbringt, um sein Gewissen zu bereinigen. Sie spülen das so ab auf diesem Gang, wie bei einem Vollbad. Sie wandeln gestärkt und beseelt über den Friedhof – daher der Name Friedhof. Sie decken Ihren eigenen Seelenfrieden mit dem Kranz zu, mit dem Trauerflor – Ihre Gedanken haben für eine kurze Spanne Zeit gefunden, dem Davonge­gangenen ein gutes Gedächtnis zu bewahren.

Wenn Tote weinen könnten – sie würden weinen, herzzerbrechend – über die vielen Blumenspenden, über die viele Zeit am Begräbnis. Sie würden über Ihre Tränen weinen – das Mitleid für Sie würde aus den Gräbern aufbrechen – weil auch Sie einmal zum Treffpunkt Friedhof einladen müßten: zwar leider nicht persönlich, weil Sie dann wirklich keine Zeit dafür hätten …

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der „Hannoverschen Presse“. In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Titelbild: Foto: ©Brigitte Karch