Über das Warten


Aber Ihnen fehlt dazu der nötige Schwung, weil Sie immer wieder warten, auf dieses Telephongespräch. Leise meldet sich ein unruhiges Gefühl. Es steigert sich, steigt wie das Quecksilber eines Fieberthermometers. Sie rennen durch die Wohnung, ecken überall an, möchten das Telephon zermalmen. Wann macht es sich nun endlich tonangebend bemerkbar?

Sie tun sich selbst leid, reden sich beruhigend zu, dass Wütendsein unter aller Würde sei. Doch was machen Sie mit aufgespeicherter Wut? Sie muss sich irgendwie entladen. Sie fangen an zu pfeifen – erst laut und falsch, irgendeinen dummen Gassenhauer. Das gefällt Ihrem Ohr nicht, und Sie versuchen es mit einer feineren Melodie, und daran finden Sie Gefallen. Sie kommen an einem
Spiegel vorbei, sehen Ihr gerötetes Gesicht, die im Pfeifen zugespitzten Lippen. Etwas erstaunt und kritisch betrachten Sie sich. Schade, dass Sie sich nicht in Ihrer ganzen Wut gesehen haben. Sicherlich sahen Sie wie ein roter, aufgeplusterter Kampfhahn aus. Jetzt ist nur noch ein Anschein von Wut zu sehen. Sie lächeln süss-sauer Ihrem Konterfei zu, und endlich fällt so langsam Ihre aufgespeicherte Wut ab. Sie merken es gar nicht, wie diese Wut versandet – sie verflüchtet in irgendeinem zarten Lied, das Sie ganz zahm vor sich hinpfeifen.

Und nun klingelt das Telephon, gesittet und brav melden Sie sich und sind sehr liebenswürdig.

Was wollten Sie dem Kerl am anderen Hörer alles sagen, der Sie so lange warten liess? Aber wohin sind diese Wutgedanken geraten? Wie weggeblasen oder vielmehr wie weggepfiffen. Und das ist recht so. Den „Kerl“ mögen triftige Gründe bewogen haben, Sie warten zu lassen. Und war es überhaupt so lange? Warten zählt bekanntlich doppelt – aber der ist der Meister, der das Warten zu überwinden versteht. Vielleicht ist es dazu da, um uns innere Ruhe zu lehren, damit wir nichtigen Dingen unsere Überlegenheit zeigen können.

Alice Frommholz (1910 “ 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk