Alice Frommholz: Die Herbstfrauen


Sie haben bereits den Zenit ihrer Jugend überschritten. Aber doch zieht der Mann sie allen sweet seventeens vor. Er weiß um das innere Gesetz der Vollkommenheit, der Reife des Herzens.

Der Herbst ist weise, und seine Mode verschwendet aus der Palette des Geschmacks die satten Farben, die variierenden Gefühlsskalen der gereiften Liebe. Küsse der Herbstfrauen schmecken wie reife Früchte – an ihren Lippen hängt das eroberungswürdige, mit mütterlicher Weisheit gepaarte Lächeln.

Sie offenbaren die Erfüllung aller einst so herbeigesehnten Hoffnungen – sie verschwenden ihre Überlegenheit mit klugem Taktgefühl. Sie wissen darum, das Geben seliger ist als Nehmen. So geben sie dem Modeschöpfer Herbst die vielfältigsten Anregungen einer vollerblühten Phantasie. Die Gewänder, die die Vollkommenenheit umhüllt, sind aus kostbarem Samt, aus buntschillerndem Brokat der Gediegenheit und doch so betonten Eleganz.

Die Herbstfrauen sind keinesfalls Sklavinnen der Mode – die Mode unterzieht sich ihrer treffsicheren Kritik des Herzens. Die Diktatur hat keinen Raum – weise waltet die Demokratie ihres Amtes. Und nur, was den Herrinnen gefällt und sich ihnen anzupassen versteht, gerät in den Blickwinkel ihrer engeren Wahl.

Die modische Harmonie des Herzens, die der Klugheit sich vermählt, ist das bezaubernste Blatt im bunten Strauß des Herzens.

Alice Frommholz (1910 “ 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.