Alice Frommholz: „Nett“ – wirklich sehr nett?


Jetzt grüble ich und weiß nicht, was ich mit dem netten Wort "nett" anfangen soll. Eine Ahnung beschleicht mich, und traurig winke ich meinen netten Vorstellungen nach, die erst so nett von dem Wort "nett" dachten. Aber nun denke ich, dass "nett" gar nicht mal so nett ist. Nett ist eigentlich vieles. "Nett" hängt in der Luft, und Sie drehen und wenden und recken den Kopf, um zu dem Wörtchen "nett" zu gelangen, und haben Sie es nun endlich erwischt und betrachten es sich von allen Seiten, müssen Sie plötzlich entdecken, dass "nett" so unpersönlich-nett, so langweilig-nett ist! Darum:

"Nett" ist etwas für Vorsichtige, denn "nett" verpflichtet zu rein gar nichts. Sie gehen keinerlei Bindungen noch Herzensverträge ein. Wie ist das riesig nett bequem. "Nett" nimmt es nicht so genau, "nett" schillert in allen Farben, wie Sie es gerade zu Ihrer Stimmung gebrauchen
wollen. "Nett" kann eine Liebeserklärung bedeuten, aber was für eine? "Nett" kann ebenso gut ein mitleidig-lächelndes, schäbiges Sympathisieren bedeuten – "nett" schläfert so sachte Ihren Scharfsinn ein – "nett" vertuscht und täuscht über seine klägliche Bedeutung hinweg. – "Nett" – ich hasse "nett", für mich existiert dieses böse "nett" nicht mehr!

Und ich will auch nie mehr eine nette Frau sein!

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Hintergrund
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk